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Full text of "Die uhrenindustrie des württembergischen Schwarzwalds"

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Die 



lUhrenindustrie 

des, ' 

— Württembergischen Schwarzwalds, 
Inaugural-Dissertation 

zur Erlangung der Doktorwürde 

der 

hohen philosophischen Fakultät 

der 

Friedrich - Alexanders - Universität Erlangen 
Julius Kuckuck 

aus KSnigsbeiE i. Fr. 
Tag der mündlichen Prüfung: 23. Oktober 1905. 



Tübingen. 

Druck von H. Laupp jr. 

ig 06. 



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Die nachfolgende Dissertation ist 'dem Interesse entsprungen, 
das eine nunmehr fast zehnjährige Tätigkeit als Sekretär der Han- 
delskammer Rottweil für die Uhrenindustrie des Schwarzwalds in 
mir geweckt hat. Einen äusseren Anstoss gab der Plan der würt- 
tembergischen Handelskammern , zur Feier ihres sojährigen Be- 
stehens eine Denkschrift heraus2ugeben, die auch einen umfang- 
reichen wirtschaftsgeschichtlichen Teil enthalten sollte, üeber den 
Rahmen eines Beitrags zu diesem Werke wuchs die Arbeit schnell 
heraus. Mit der Zeit ergab sich dann ihre Ausgestaltung zu dem 
Umfang und zu der Form, in denen sie jetzt vorliegt. 

Es kommt hier nur Teil I : Die Entwicklung der Industrie zum 
Abdruck. Die vollständige Arbeit mit Teil II : Der Handel , ins- 
besondere der Export, und Teil III : Die Arbeiterverhältnisse, er- 
scheint gleichzeitig als Ergänzungsheft der Zeitschrift für die ge- 
samte Staatswissenschaft. 

Herrn Präsident v. Mosthaf in Stuttgart schulde ich Dank für 
die Unterstützung, die er mir gewährte, indem er mir die Benützung 
der Akten der K. Zentralstelle für Gewerbe und Handel in libe- 
ralster Weise gestattete , Herrn Professor Dr. v. Ekeberg in Er- 
langen dafür, dass er mich ermutigte, die Arbeit der philosophi- 
schen Fakultät in Erlangen als Dissertation einzureichen, einer 
Reihe von württembergischen Uhrenindustriellen für die bereit- 
willige wiederholte Erteilung von Auskünften. Es ist mir ein Be- 
dürfnis, den Herren auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen 
Dank auszusprechen. 

Rottweil, Februar 1906. 

Der Verfasser, 



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Inhatts-Verzeichnis. 



Vorwort 

Erster Teil: Di« Entwickclung der Industrie 

I. Abschnill: Die Enlwickelung bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts 

> : Der Zustand der Industrie um die Mitte des 19. Jahr- 

■ : Me Vereucbe lur Hebung der Industrie 

> : Die Ursachen der Misserfolge 

• : Die Wendung (von der Mitte der 60 er bis Anfang der 
80er Jahre) 

: Die Vollendung zur Grossindustrie 

> ; Wandlungen im G^ensland der Fabrikation .... 
; Die Hilfsgewerbe 

• : Das Bild der Entwickelnng in der Statistik 



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Quellen und Literatur. 

I. Akten. 

Akten dei K. Zentralstelle fUi Gewetbe und Handel, der Gesellschaft für die Be- 
färdernng der Gewerbe in Württemberg, der Handelskammer Rottweit, des K. 
Archivs des Innern und des K, Finanzarchivs in Ludwigsburg, der Gemeinde - 
Registratur von Schwenningen. 

n. Gedruckte Schriften. 

Schwabische Chronik, Jahrg. 17S6. 

Steyrtr, Geschichte der Schwarzwäldei Uhrmacheikunst nebst einem Anhange von 
dem Uhrenhandel daselbst. Fieybui^ i. Br. 1796. 

T r i b e r g oder Versuch einer Darstellung der Industrie und des Verkehrs auf dem 
Schwarzwald. Ausgehoben aus dem Magazin für Handlung und HandelsgeseCz- 
gebung von K. H. Frhr. v. Fahntnhtrg. Konstanz 1826. (Verfasser Pfarrer yätk.) 

Slurm, Versuch einer Beschreibung von Schwenningen in der Baar, Tuttlingen 1S23. 

Poppt, Ueber die Schwarzwälder Uhrenindustrie, in Dinglers Polytechnischem Jour- 

Uhrengewerbsblatt für den Schwarzwald. 1847— 1S49. 

MtiUtn, Ueber die Uhrenindustrie des Schwarzwaldes. Breslau 1S47. 

Scholi, Die Wiener Ausstellung 1873. 

Trtnklt, Geschichte der Schwarzwülder Industrie, Karlsruhe 1874. 

Vischer, Die industrielle Ent Wickelung im Königreich Württemberg, Stuttgart 1875. 

Schnafpir, Beschreibung der Wirtschaft und Statistik der Wirtschaftsrechnungen 
der Familie eines Uhrschildmalers im badischen Schwarzwald. Zeilschr. f. d. 
ges. Staats Wissenschaft igSo. 

Gilt-ich, Geschiebte der Uhrmache rknnst, Weimar 1887. 

Böhmert, Die Uhrenindustrie des Schwarzwatdes , in der Zeitschrift: • Der Arbeiter- 
freund. [889, S. Z90 ff. 

Hubbuch, Die Uhrenindustrie des Schwarz waldes , in den Schriften des Vereins für 
Sozialpolitik Bd. 3g, 1889. 

Golhcin, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwalds und der angrenzenden Länder, 
Strassburg 1892. 

Schmidt, Uhrmacherband werk ihid Uhienfabrikation, in den Schriften des Vereins 
rUr Sozialpolitik, Bd. 66, 1896. 

Mcidingir, Die Entwicklung der Gross Industrie des Grossherzoglums Baden, 1896. 



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— vm — 

Lolk, Die UhienindusCrie im badischen Schwaizwald, iSgg, in den Scbriften des 
Vereins für Sozialpolitik Bd. 84- 

Liefmann, Wesen und Formen des Verlags. Freiburg i. Br. 1899. 

Hubtr, P. C, Deutscbland als Industriestaat, Stuttgart 1901. 

Sthmid, Sehweoningen a. N., Ortschronik 1901. 

Damöach, Schrambere, Ort und Herrschaft von den ältesten Zeiten bis zur Gegen- 
wart, 1904. 

Büri, Die Schwenninger Uhrmacher bis ums Jabr 1850. 1904. 

Fturstiin, Lohn und Haushalt der Uhrenfabrikarbeiter des badischen Schwarzwalds. 
Karlsruhe 1905. 

Rechenschaftsberichte an die Gesellschaft für Beförderung der Gewerbe 
in Württemberg 1831/48. 

Jahresberichte dei Gewerbeaufsichtsbeamlen, der Handelskammern in Rottweil, Reut- 
lingen, Villii^en, Leipzig, Wien, der Aeltesten der Kaufmannschaft in Berlin. 

Verschiedene Ausstellungsberichte. 

Gewerbeblatt aus Württemberg. 

Leipziger Uhrmacherzeitung. 

Deutsches Handelsarchiv, 

Württembetgische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde. 

Das Königreich Württemberg, herausgegeben vom statistischen Landes- 
amt, Ausgaben von 1863, l88z und 1904/5. 

Statistik des Deutschen Reichs. 



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ErsterTeil. 

Die Entwicklung der Industrie. 

Erster Abschnitt. 

Die Entwicklung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. 

Die Schwarz Wälder Uhren industrie hat ihren Ursprung im 
südlichen Schwarzwald. Wie Jäck^) erzählt, verfertigte in den 
8ocr Jahren des 17. Jahrhunderts ein Schreiner in den Spürzen, 
Pfarrsprengel St. Märgen, namens Lorenz Frey, auch der Hack- 
brettler Lenz genannt, nach dem Muster einer Uhr, die ein Glas- 
träger auf seiner Handelsreise von einem böhmischen Glashändler 
gekauft und in seine Schwarzwälder Heimat mitgebracht hatte, 
die erste Schwarzwälder Uhr. Steyrer °) datiert den Ursprung der 
Uhrmacherei schon von den 60er Jahren und nennt als erste Uhr- 
macher die Kreuze auf dem Glashof in der Vogtei Waldau der 
Herrschaft St. Peter. Auch in dem weiter nach Nordosten ge- 
legenen, damals württembergischen St. Georgen soll nach Steyrer^ 
Angabe schon am Ende des 17. Jahrhunderts ein Uhrmacher 
namens Simon Henninger gesessen sein. In den Kriegesnöten, die 
damals den Schwarzwald heimsuchten , blieb es aber vorerst bei 
vereinzelten Versuchen. Erst um 1720 wurde an verschiedenen 
Stellen des Schwarzwaldes die Uhrmacherei beinahe gleichzeitig 
von neuem aufgenommen. Nach Steyrer ist es in erster Linie 
Simon Dilger in der Urach, im damaligen Kürstenbergischen Ge- 
biet gelegen, der als Wie derer wecker der Industrie gelten kann. 
Die Zeiten waren günstiger; der neu eingeführte Kartoffelbau er- 

i) Jäck, Trybei^ oder Versuch einer Darstellung der Industrie und des Ver- 
kehrs auf dem Schwarzwald, Constanz 1826. S. 18. 

3) Sttyrer, Geschichte der Schwarzwald-Uhrmacherkunst , Freibuig 1796, S. z. 



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möglichte die Ansetzung eines zahlreichen Häuslerstandes, der 
darauf angewiesen war, einen Teil des Lebensunterhaltes in indu- 
strieller Beschäftigung zu suchen. 

Die ersten Schwarzwälder Uhren bestanden nur aus wenigen 
Rädern mit dem dazu gehörigen Getriebe und Gestell und waren 
vollständig aus Holz verfertigt. Der Antrieb erfolgte durch Ge- 
wichte oder Federn'); die Gleichförmigkeit der Bewegung wurde 
durch einen wagrechten Balken hergestellt, der durch ein verti- 
kal laufendes Steigrad mittels einer Spindel (horizontales Kamm- 
rad) in schwingende Bewegung versetzt wurde. 

Eifrig bemühte man sich um die Vervollkommnung dieser 
primitiven Konstruktion. Gute Früchte brachte in dieser Bezie- 
hung ein längerer Aufenthalt, den Friedrich Dilger, des genannten 
Simon Dilgers Sohn, als wandernder Uhrenverkäufer in Paris, dem 
alten Sitz der Uhrmacherkunst, nahm. Dort lernte er in der Zu- 
richtung der Werkzeuge und der Konstruktion der Uhren vieles, 
was er spater für seine Heimatindustrie verwerten konnte. F^r 
war es, der bei dem Schlagwerk anstatt der für den Transport 
unbequemen Glasglöckchen, wie sie die Schwarzwälder-Uhren ur- 
sprünglich hatten, metallene Tonglöckchen einführte "). Aus sei- 
ner Werkstatt gingen auch mannigfaltige Figuren-Uhren hervor, 
d. h. Uhren, bei denen irgend eine Figur ständig oder zu be- 
stimmten Zeiten gewisse Bewegungen ausführt. Zu den Figuren- 
Uhren gehören auch die Kuckucksuhren, für die ebenfalls aus 
Böhmen stammende Uhren als Muster dienten *). In den 6oer 
Jahren des i8. Jahrhunderts erschienen die ersten Spieluhren, 
d. h. Uhren mit Glocken- oder anderem Musikspiel. Als weitere 
Uhren besonderer Art, deren Ursprung auf jene Zeit zurückgeht, 
sind zu nennen die sog. Jockele-Uhrcn, kleine niedliche Wand- 
uhren, zum erstenmale hergestellt um das Jahr 1790 von Jacob 
Hebstreit aus dem Neustädter Amt, der den Spitznamen -zwei- 
mal Jockele« führte*). Alle diese Uhren bilden noch heute Spe- 
zialitäten der Schwarzwälder Uhren Industrie. Mit den Figuren- 
Uhren kam die Schnitzerei in die Höhe. Die Spieluhren gaben 
den Anstoss zu der Entstehung einer eigenen Industrie für Her- 
stellung kleiner mechanischer Musikwerke. 

Die wichtigsten p-ortschritte aber waren die Ersetzung des 
Wagbalkens durch das Pendel, die um das Jahr 1740 fallt und 
I) Sltyr-tr a. a. O. S. 21. 2) yäci a. a. O. S. 46. 
3) >rf a. a. O. S. 31- 4) Tä^^ a- a. O. S, 31. 



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von Steyrer einem Christian Wehrle zugeschrieben wird, sowie der 
bald darauf erfolgende Uebergang vom Holz zum Metall als Ma- 
terial für die Triebe und das Räderwerk. Zuerst wichen die 
Holztriebe solchen aus Draht, dagegen kamen Holzräder neben 
messingenen noch bis in die neuere Zeit hinein vor, insbesondere 
hielt sich die Verwendung des Holzes noch lange bei den Schnur- 
bezw. Ketten- und bei den Zeigerwerks-Rädem '). In den ersten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden die zur Aufhängung 
der Gewichte dienenden Schnüre bei den besseren Uhren durch 
eiserne oder messingene Ketten verdrängt. Während man zu- 
erst nur Uhren mit 12 Stunden Gangzeit herstellen konnte, lernte 
man schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Erzielung einer 
Gangzeit von 24 Stunden. 1780 erschienen sogar schon die ersten 
8-Tage-Uhren. Auch in der äusseren Ausstattung der Uhr schritt 
man fort, insbesondere in der Behandlung des die Stundenziffem 
tragenden Uhrschildes. Ursprünglich wurden die Schilder mit be- 
drucktem oder gemaltem Papier bezogen, später meist selber 
lackiert, bemalt, auch mit Schnitzereien versehen. 

Die raschen Fortschritte in Herstellung und Beschaffenheit 
von Uhren waren natürlich nur möglich durch vorausgehende Fort- 
schritte in den Werkzeugen, von denen die wichtigsten waren 
die Einführung des Zahngeschirrs, die der Teilscheibe und die des 
Spindienbohrers. Das Zahngeschirr war ein Apparat, mit dem die 
Zähne schnell und richtig in das Rad eingeschnitten werden konnten. 
Schon länger bei den Taschen- (oder damals Sack-)uhrenmachem 
üblich, wurde es in die Schwarzwälder Uhrmacherei nach Steyrer 
von Adam Spiegelhalter, Schmiedadam genannt *), nach Jack ') 
von Matthias Löffler von Gütenbach eingeführt. Mit diesem 
Werkzeug brachte man eine Uhr schon in einem Tage fertig, 
während man vorher 6 Tage brauchte *). Die Teilscheibe ver- 
dankt die Industrie dem schon genannten Friedrich Dilger '). Der 

i) Ganze Holzuhren worden nach Schall (>Die Schwarzwalde r Uhrmacherei* 
1873) noch in den 70er Jahren von J. Müller in Eisenbach, Franz Beha in Neukirch 
und J. Hummel in Schünwald geliefert and zwar in sorgfältiger Ausführung. Solche 
Uhren hüten immer noch ihre bestimmten Absatzgebiete. 

2) Sityrer a. a. O. S. 17. 3] y^ck a. a, O, S. 48. 

4) Sicyrtr a. a, O. S. 18. Der in der Schwäbischen Chronili 1786 erschienene 
kleine Aufsatz über die Schwa.rzwB.lder Uhrmacherei gibt an, dass bei Zusammen' 
arbeiten zweier Personen diese in der Woche to Uhren fertig brachten, ebenso 
Sttyrer S. 2g. 

5) Jäck a. a. O. S. 48. 



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— 4 — 

Erfinder des Spindienbohrers war Georg Willmann in Neustadt 
um das Jahr 1740, sein Vervollkommner der Benediktiner Pater 
und Professor Thaddäus Rinderle in Freiburg i. Br. ^). Mit diesem 
Werkzeug konnten die zur Aufnahme der Triebstöcke dienenden 
Löcher in die Holzscheibchen der Hohltriebe mit grosser Schnel- 
ligkeit und Genauigkeit eingebohrt werden. Für kleinere Werk- 
zeuge dienten vielfach von den Händlern aus England mitge- 
brachte Stücke als Muster. 

Anfangs verfertigten die Uhrmacher die Uhren vom Anfang 
bis zum Ende selber. Bald zweigten sich aber Hilfsgewerbe ab. 
Näheres darüber soll an anderer Stelle gesagt werden. 

Der Vertrieb der Uhren geschah zuerst durch die hausieren- 
den Verschleisser der Schwarzwälder Stroh- und Glaswaren. Als 
es sich zeigte, dass sich der selbständige Vertrieb der Uhren 
lohnte, wurde dieser zum Teil von den Uhrmachern selber, zum 
Teil von besonderen Uhrenhändlern in die Hand genommen. Mit 
ihren Uhren in der Kretze durchwanderten die hausierenden Uhren- 
macher und Händler nicht nur das ganze heilige römische Reich 
deutscher Nation, sondern bald auch die angrenzenden Länder: 
Frankreich, Italien, Ungarn, Polen, Russland u. s. w. ; schliesslich 
führte sie ihr Weg auch übers Meer nach England, Schottland, 
Irland, Schweden und Norwegen, endlich sogar bis nach Ame- 
rika *). Die immer weitere Ausdehnung des Marktes förderte die 
Trennung von Handel und Handwerk, ohne dass jedoch diese je- 
mals vollständig wurde. Die Händler vereinigten sich vielfach zu 
Kompagnien (Sozietäten, Gesellschaften) insbesondere für den 
Ausland-Handel. Nicht selten nahmen diese Kompagnien auch 
Knechte mit. Wer drei Jahre als braver Knecht gedient hatte 
gegen einen Lohn von insgesamt lOo rauhen Gulden*) und den 
Empfang der Kost und der »kurzen Montur« (Schuh und Strümpfe), 
wurde aus einem »Ruhkamerad« ein iGutkamerad«, d. h. gleich- 
berechtigter Gesellschafter *). 

1) yäci a. a. O. S. 49. Die Bedeutung des Benediktiner-Ordens tut die Schwarz- 
wälder Uhrenindustrie des iS. Jahrhunderts schildert eingehend Gsthein in seiner 
Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwalds, 1892, S, 839 ff. 

2) Sleyrer a. a. O. S. jS ff., yäek a. a, O. S, 53 ff. 

3) Ein rauher Gutden hatte 50 Kreuzer. 

4) Sleyrer a. a. O. S. 53. Näheres Ober die Kompagnien siehe bei Gotkiin 
a. a. O- S. S55 ff. und bei Lotk, >Die Uhrenindustrie im badischen Schwarzwatd« 
in Bd. SS der Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Ein Soziettltsv ertrag aus der 



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— 5 — 

Zwischen Hausierer und Uhrmacher schob sich mit der Zeit 
noch ein weiteres Glied, nämlich der Spediteur oder Packer, 
der dem Händler das öftere Abholen neuer Uhren aus der Heimat 
ersparte, bezw. dem geschäftsungewandten Uhrmacher die Beförde- 
rung seiner Fabrikate zu den im Ausland weilenden Hausierern 
abnahm. >Anfänglich kehrten die Uhrenhändler, nachdem sie eine 
»Kretze« oder eine Kiste voll Uhren verkauft hatten, immer wie- 
der auf den Schwarzwald zurück, um frische Waren einzukaufen, 
oder, wo man kompagnieweis handelte, schickte man immer ab- 
wechselnd alle Jahr je ein Mitglied zum frischen Einkauf heim 
auf den Schwarzwald. Bald aber merkte man die Kostspieligkeit 
solcher häufiger Heimreisen und bestellte ein früheres Mitglied, 
oft den Gründer der Gesellschaft, der Alters halber oder aus an- 
deren Gründen daheim blieb, als Uhrenpacker, d. h. als den- 
jenigen, bei welchem man die erforderlichen frischen Waren be- 
stellte und der sie dann zu dem wohlbekannten und für Jahre 
lang gleichbleibenden Preise gegen eine massige Belohnui^ vom 
Stück verpackte und versendete« '). 

Aus dem jetzt badischen Schwarzwald ist die Industrie früh- 
zeitig auch nach dem alt württembergischen, an dem östlichen 
Rande des Gebirges im Oberamt Rottweil Hegenden Schwen- 
ningen verpflanzt worden, vermutlich von St. Georgen und Horn- 
berg aus, die bis 1809 zu Württemberg gehörten '), Die ei*sten 
Uhrmacher, die das Schwenninger Kirchenbuch als solche erwähnt, 

ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist abgedruckt im Uhreogewerbsblatt für den 
Schwarz wald 184S, S. 30. 

1) Uhrengewerbsblatt 1848, S. 27. 

2) Im Kirchspiel St, Georgen ist die Uhrmacherei seit ihrem Entstehen im Schwarz- 
wald betrieben worden. Schon am Ende des 17, Jahrhunderts treffen wir, wie wir 
schon vorhin erwähnten, hier einen Uhrmacher, namens Simon Henninger. Fried- 
rich Dilger nahm einen jungen Mann aus dem Kirchspiel St. Georgen, Weisser, ge- 
nannt der Mulenweber. in die Lehre, »welcher bald hernach ein Meiste rahrmacher 
ward. (Stiyrcr S. 4). 1751 gingen zwei Bürger aus dem Kirchspiel nach Pennsyl- 
vanien, um einen Uhrenhandel dorthin anzufangen. Voriugsweise die Uhrenmacherei 
und den Uhrenhandel der damals wUrltembergiscben Aemter St. Georgen und Horn- 
berg hat der erwähnte Aufsatz der .Schwäbischen Chronik« 1786, 13. Stück, im 
Auge (Schluss eines Beitrages zur Kenntnis des Schwarzwalds: 'Nachricht von dem 
Handel mit hjilzernen Uhren, welcher daselbst getrieben wiidi), dem Sleyrer in ver- 
schiedenen Punkten Unrichtigkeiten vorwirft. Wie dieser Aufsatz mitteilt , sassen 
damals im Kirchspiel von St. Georgen 30 Uhrmacher, die wüchentlich gegen 300 
Uhren verfertigten. In Villingen, dem nächsten Nachbarort Sehwenningens nach 
dem Schwarzwald zu, damals österreichisch, sassen zu Sttyrir% Zeit 9 Uhrmacher. 



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sind Joh. Jäckle und Jak. Vosseier, von denen jener 1765, dieser 
zwei Jahre darauf seinen Hausstand gründete ^). Die Uhrmacherei 
des württembergischen Schwarzwaldes geht also in ihren Anfängen 
bis auf die Mitte des iS. Jahrhunderts zurück, Sie blieb aber lange 
Zeit in sehr bescheidenen Grenzen *) und beschränkte sich auf ein- 
zelne Familien, die, um ihre Kunst ais Geheimnis zu bewahren, keine 
Lehrlinge aus anderen Familien annahmen und ihre Arbeit verdeck- 
ten, wenn ein Fremder die Werkstatt betrat. Die hervorragendsten 
dieser Familien waren die Haller und die Vosseier. Später forderte 
man von nicht zur Familie gehörigen Lehrlingen wenigstens recht 
hohe Lehrgelder. 1820 zählte man in Schwenningen nur 7 Uhr- 
macher mit 6 Gehilfen und 6 Händler '), Die damalige Pro- 
duktion wird auf 60 bis 70 Stück pro Woche, also 3000 bis 
3500 jährlich geschätzt. Dann aber scheint sich die Industrie 
rasch ausgedehnt zu haben; denn Poppe ^^ gibt die Zahl der 
Schwenninger Uhrmacher im Jahre 1839 auf 69 {einschl. 20 Vor- 
arbeiter) an. 

Bis zum zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts konstruierte 
man in Schwenningen die Uhren mit dem alten Spindelgang und 
mit kurzem, vor dem Zifferblatt schwingenden Pendel ; dann erst 
kamen der Hakengang und das lange, hinter dem Zifferblatt an- 
gebrachte Pendel auf, Neuerungen, durch die ein genauerer Gang 
der Uhren erreicht wurde. 

Von Schwenningen aus wanderte die Industrie in den 20er 
und 30er Jahren weiter ins Württembergische hinein, zuerst in 
die dem Überamt Tutthngen zugeteilten Nachbarorte der Bar: 
Trossingen, Thuningen, Thalheim, Schura u. s. w. , mit denen 
Schwenningen durch die Konfession und durch die alte Zuge- 
hörigkeit zu Württemberg enger verbunden war, sowie nach Deiss- 
lingen, dem nächsten Orte im Überamt Rottweil. Dieser Ort 
wurde auch der Sitz eines bedeutenden Uhrenhandels. 

Vielfach scheint der Einführung der [''abrikation von Uhren 
die Aufnahme des Handels in den einzelnen Orten vorausge- 

1) Paul Schmid, Ortschronik von Schwenningen a. N. lg03. S. 107. 

2) In den Stenecbüchern von Schwenningen, die bis 17S9 zurSckreichen , sind 
in diesem Jahre Jäckle und Vosseier die einzigen als Uhrmacher bezeichneten Pflich- 
[igen. 1790 erscheint als Dritter ein Johannes iMihlenker. 

3) F. W. Sturm, Versuch einer Beschreibung von Schwenningen in der Bar. 
Tuttlingen 1SZ3, S. 60. 

4) Popp*' Ueber die Schwanwälder Uhrenindustrie in Dii^lers Polytechnischem 
Journal 1S40, S. 439. 



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— 7 — 

gangen zu sein oder wenigstens der Handel die Fabrikation anfangs 
überwogen zu haben '). 

Die weitere Ausbreitung der Industrie wurde dann vielfach 
durch die Regierui^ und die »Gesellschaft für die Beförderung 
der Gewerbe«, die als die Vorgängerin der K. Zentralstelle für 
Gewerbe und Handel angesehen werden kann, gefördert^). 

Man hegte dabei die Hoffnung, es würden infolge Fernbleibens 
Badens vom Zollverein die württembergischen Uhren im Zollver- 
einsgebiet durch die Zollfreiheit einen grossen Vorsprung vor dem 
badischen Konkurrenz-Fabrikat gewinnen und infolgedessen die 
Uhrenindustrie in Württemberg einen erheblichen Aufschwung 
nehmen können. Zwar trat dann auch Baden bald dem Zollver- 
ein bei, erlangte also auch für seine Uhren die Zollfreiheit; im- 
merhin blieb auch so die Gewinnung eines grossen zollfreien 
Marktes durch die Bildung des Zollvereins ein grosser Vorteil für 
die württembergischen Uhrmacher. 

Zuerst ging man daran, die Holzuhrmacherei auf den Heu- 
berg zu verpflanzen, dessen karger Boden der zunehmenden Be- 
völkerung nicht mehr genügend Nahrui^ bot. 

Der Heuberg ist ein rauhes Bergplateau der Schwäbischen Alb 
in der Nachbarschaft des Schwarzwalds, in seinem Hauptteil dem 
Oberamt Spaichingen angehörend, in den übrigen Teilen sich in die 
(^berämter Rottweil, Balingen und Tuttlingen hinein erstreckend. 
Die Verpflanzung der Uhrenindustrie dorthin sollte in der Weise 
geschehen, dass man Schwarzwälder Uhrmacher direkt auf dem 
Heuberg ansiedelte und ferner Knaben aus den Heubergorten auf 
dem Schwarzwald die Uhrmacherei unter Uebemahme des Lehr- 
gelds oder eines Teils desselben auf die Kasse der Gesellschaft 
oder des Staates erlernen Hess unter der Bedingung ihrer späteren 
Niederlassung in der Heimat, Das Erstere gelang nicht trotz 
Aussetzung hoher Prämien und der Zusicherung der unentgelt- 
lichen Verleihung des Bürgerrechts durch die Gemeinden, da die 
Schwarzwälder allzusehr an ihrer Heimat hii^en. Auch auf dem 



i) In Schwennii^en tieten nach den ersten drei UhrniBchern in den 90er Jatiren 
lies 18. Jahrhanderrs mehrere Uhrenhlndler anf. Esdarf (Grundriss einet ataüsti- 
schen Kunde von Altwürttembe:^, 1805) erwähnt bei Schwenningen nur den Uhren- 
handet. Die Uhrmaclier der später lu erwähnenden Gemeinde Loeherhof betrieben 
mir Vorliebe das Hausieren. 

2) Rechenschaftsbericht der Gesellschaft von 1831—48. Akten der Gesellschart, 



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zweiten Wege stiess man auf Schwierigkeiten. Die Schwarzwälder 
wollten sich nicht selber auf dem Heuberg eine Konkurrenz gross- 
ziehen helfen. Doch gelang es, nach und nach eine grössere 
Zahl Lehrlinge meistens bei badischen Meistern, die sich entgegen- 
kommender bewiesen als die württembergischen und deren Kunst 
man wohl auch höher schätzte, unterzubringen. In einzelnen 
Fällen gab man später den Ausgebildeten auch Beiträge zur 
ersten Einrichtung ihrer Werkstatt. Im ganzen Hess die Gesell- 
schaft Anfang der 30er Jahre 12 Lehrlinge (aus den Gemeinden 
Königsheim, Egesheim, Mahlstetten, Hausen a. Th., Rosswangen, 
Bitz ') u. a.) ausbilden, wofür sie ungefähr 435 fl., der Staat 250 fl. 
ausgaben. Damit glaubte man für den Heuberg genug getan zu 
haben. 1837 hatte sich zwar noch keiner von den Unterstützten 
als Meister niedergelassen, doch hatte die Uhrmacherel schon 
durch andere in Spaich Ingen, Aldingen und Denkingen Fuss ge- 
fasst. Anfang der 40er Jahre hatte sie sich auf dem Heuberg so 
ausgedehnt, dass man die Produktion oder wenigstens die Pro- 
duktionsfähigkeit auf 1000 Stück wöchentlich schätzte, welche 
Schätzung allerdings wenig glaubhaft erscheint. 

Staatliche Förderung erfuhr die Industrie auch in I- o c h e r- 
h o f *), einer armen, mit ui^enügender Markung ausgestatteten 
Gemeinde in dem in den Schwarzwald hereinreichenden nord- 
westlichen Teil des Überamts Rottweil. Dort begann sie schon 
zu Anfang des zweiten Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts*); 1829 
Sassen in der Gemeinde 4, 1834: 7 Uhrmacher mit 9 Gehilfen 
und 3 Gestell machen Zwei der Uhrmacher erhielten in letzterem 
Jahre aus der Staatskasse ein Darlehn von 500 fl. zur Erweite- 
rung ihrer Fabrikation; im nächsten Jahre wurden nochmals 460 fl. 
gegeben zur Verwendung für die übrigen. Man sorgte dabei auch 
für die Ausbildung eines jungen Schlossers in der Anfertigung 
von Uhrmac her- Werkzeugen. 

Von Locherhof aus kam die Uhrenindustric in einzelne Orte 
des benachbarten Oberamts Oberndorf: Sulgen, Sulgau mit der 
Teilgemeinde Schönbronn, Aichhalden, Lauterbach, Schräm- 
b e r g. Letzgenannter Ort, der sich heute als die Kapitale der 

l) Dieser Ort ging bald nur Fabrikation von Prtliisionsinstrumenten, wie sie in 
seiner Nachbarschaft, in Ehingen und Onstmettingen, betrieben wird, über. 

1) Akten des Finanzarchivs und des Archivs des Innern in Ludwigsbutt;. 

3) Bericht von Johannes Bürk an die K. Zentralstelle für Gewerbe ond Han- 
del 1S63. 



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ganzen Schwarzwälder Uhrenindustrie fühlt, taucht in den Akten 
erst im Jahre 1840 als Uhrenort auf. Auch im Oberamt Obem- 
dorf griff der Staat helfend ein ^), indem er in den Jahren 1837/38 
drei Meistern zinslose Darlehen im Gesamtbetrage von UOO fl. 
und ausserdem noch an einige junge Leute Lehrgeld-Beiträge 
gab. Zwar hatte der Staat mit seinen Unterstützungen durch- 
weg kein Glück, da von den Darlehns-Empfängem einer nach 
dem anderen die Uhrmacherei wieder aufgab. Trotzdem gewann 
die Industrie allmählich an Ausdehnung. 1842 waren im Ober- 
amt 19 Uhrmacher mit 23 Gesellen und Lehrlingen und 2 Schild- 
maier tätig, die zusammen jährlich 8 — 9000 Uhren und über 300O 
Schildbretter verfertigten. Wenn 1845 '^^^ neue Oberamtmann 
an das Ministerium pessimistisch berichtete, es werde im Bezirk 
keine Uhrenfabrikation mehr betrieben, man beschränke sich nur 
noch auf den Handel, so war es ihm wohl entgangen, dass die 
Industrie in Schramberg eine gesicherte Heimstätte gefunden 
hatte. 

Auch im Überamt Freudenstadt wollte man die Uhrenindu- 
strie einführen und zwar hauptsächlich die Herstellung kleinerer 
Uhren. Doch scheint die Absicht nicht zur Ausführung gekom- 
men zu sein oder es hat die Ausführung keinen dauernden Er- 
folg gehabt. 

Auf die schon in dieser Zeit beginnenden Bemühungen, die 
Uhren Industrie technisch zu heben, werden wir noch in anderem 
Zusammenhang zu sprechen kommen. 

l) Akten der vorhin bezeichneten Archive. 



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Zweiter Abschnitt. 

Der Zustand der Industrie um die Mitte des 19. Jahr- 
hunderts. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das Hauptfabrikat 
im württembergischen wie im badischen Schwarzwald die •Schwarz- 
wälder Uhr<. Das Charakteristische dieser Uhr liegt darin, dass 
ihr Werk in einem Holzgestell befestigt ist, weshalb man sie noch 
jetzt als Holzuhr bezeichnet, obgleich man auch schon damals — 
von Ausnahmen abgesehen — längst aufgehört hatte, die Räder 
und Triebe aus Holz zu verfertigen. Die Triebe sind Hohltriebe, 
d. h. sie bestehen aus zwei kleinen parallelen Scheibchen und 
den aus Stahldraht verfertigten Triebstöcken, die an den Rändern 
der Scheibchen eingebohrt sind und diese parallel laufend mit ein- 
ander verbinden. Je nachdem die Welle, an der die gespindeiten 
Triebe sassen, aus Holz oder Messing war, unterschied man holz- 
gespindelte und messingene Uhren '). Bei den Uhren alten Stils 
diente das Gestell zugleich als Uhrgehäuse und der Antrieb wurde, 
nachdem der von Steyrer erwähnte Gebrauch der Zugfeder An- 
fang des 19. Jahrhunderts ausser Uebung gekommen war, stets 
mit Gewichten bewerkstelligt. Besondere Arten der Schwarz- 
wälder Uhr sind die weit verbreitete Kuckucksuhr und die 
Schottenuhr. Das Werk der Schottenuhr ist kleiner und 
enger zusammengebaut; die Wellen sind alle von Eisen, das Pendel 
halblang. Die Hinterseite des Gestells besteht nicht aus einer 
ganzen Holzplatte, sondern aus mehreren in Dach und Boden des 
Gesteiis eingezapften Stäben, was die Vornahme von Reparaturen 
am Werk erleichtert. Auch die Herstellung kleiner Uhren wurde 
in Schwenningen schwunghaft betrieben; Vosseier Vater und 

i) Die haUernen Wellen wurden später meist mit einer Bronzefacbe bestrichen, 
lim den Laien Metall vorsutäuschen. {Schott a. ti, O. S. l6). 



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Sohn bildeten die Jockele-Ühr sogar zur höchsten Vollkommen- 
heit aus, so dass ihr Fabrikat, die Vosseler-Uhr, weit und breit 
einen guten Ruf hatte. 

Die Organisation der Industrie war durchaus gleich der auf 
dem badischen Schwarzwald, die ja schon verschiedene sachver- 
ständige Schilderer gefunden hat, so dass wir uns kurz fassen 
können •). Neben den eigentlichen Uhrmachern finden wir, wie 
schon gesagt, viele Hilfsgewerbe, Den ersten Grund zur Uhr 
legte der Gestellmacher, der aus Buche nbrettc he n ein 
durchbrochenes Kästchen zusammensetzte, welches, Je nachdem 
die Uhr nur aus einem Gehwerk oder noch aus Schlag- und 
Weckerwerk bestehen sollte, ein, zwei oder drei Fächer umfasste 
und sehr dauerhaft eingezapft werden musste. Die Geste llmacherei 
war Spezialität von Thuningen, während sein Nachbarort, das 
gleichfalls auf der Bar gelegene Thalheim, aus seinen ausgedehnten 
schönen Buchenwaldungen die Spindeln, d. h. rohgerundete Buch- 
holzstäbe als Material für die Achsen und Räder, dann auch ein- 
geschnittene Räder, später fertige Schnurräder, Pendelschetben 
und dergl. lieferte. In der Zeit, von der wir sprechen, hatte aber 
schon das Messing das Holz als Material für das Räderwerk fast 
vollständig verdrängt. Es waren jetzt die Giessereien, die die 
rohen Räder, die Glocken, meistens auch die Zeiger und Pendel- 
scheiben lieferten. Die ersten Metallglocken wurden von 
Solothum eingeführt; später war Nürnberg Lieferant ^). Etwa um 
1760 begann Paul Kreuz auf dem hohlen Graben, Gemeinde 
Watdau, mit grossem Erfolge Glocken zu giessen. In kurzer Zeit 
versorgte der Schwarzwald nicht nur seine eigenen Uhren selber 
mit diesem Zubehörstück, sondern er musste auch die Nachfrage 
englischer, holländischer und französischer Uhrmacher befriedigen, 
die die Sc hwarzwald- Glocken wegen ihres schönen Tones, der 
das Erzeugnis einer besonderen Mischung des Glocken-Metalls 
war, vor anderen bevorzugten '). In der ersten Hälfte des 19. 

1) Vgl. Poppt lind Letk a. a. O., feraer Meinen, Ueber die Uhreoindustrie des 
Schwarswalds, 1847^ Hubbuch, Die Uhren induslrie des Schwariwalds, in den Schriften 
des Vereins für Sozialpolitik Bd. 39. Die speziell Schwenningen betreifendeti Aus- 
führungen stutzen sich auf Kich. Bürk, Die Schwenninger Uhrmacher bis ums 
Jahr iSso. S. 25 ff. 

z) yäck a. H, O. .S. 46, ebenso Schwab. Chronik 1786. Sttyrer scheint, gegen 
lelitere polemisierend, S. 14 zu bestreiten, dass die GliSckchen jemals aas Nürn- 
berg bezc^en wurden. 

3) Sliyrer a. a. O. S. 15. 



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Jahrhunderts kamen neben den Glocken nach Wiener Muster 
Tonfedern auf, und deren Fabrikation fasste durch Carl Dold 
in Furtwangen 1S30 festen Fuss auf dem Schwarzwald *). Weder 
in Schwenningen noch im übrigen Gebiet der württembergischen 
Uhrenindustrie gab es aber um die Mitte des ig. Jahrhunderts eine 
Tonfedemmacherei. Wie die Glocken hatte man ursprünglich 
auch die Räder aus Solothum, dann aus Nürnberg bezogen. 
Auch sie im Schwarzwald herzustellen, wollte lange Zeit nicht 
gelingen. Die ersten Erfolge hatte der Salpetersieder Hof- 
mayer zu Neustadt, der von 1791 an nach Ueberwindung der 
ihm von der Fürstenbergischen Giesserei auf Grund des Zunft- 
rechts gemachten Schwierigkeiten *) in einer Hütte jährlich 200 
Zentner Räder und Zeiger goss. Schwenningen hatte nur kurze 
Zeit eine eigene Giesserei ^), nach deren Verschwinden es für 
den Bezug der Gus steile auf den badischen Schwarzwald ange- 
wiesen war, sehr zu seinem steten Miss vergnügen, auch nachdem 
durch das Ins lebentreten des Zollvereins der Verkehr mit dem Nach- 
barlande leichter geworden war. Auch die übrige württembergische 
Uhren Industrie musste die Gussteile mangels einer eigenen nahe 
gelegenen Giesserei aus Baden beziehen; ein in Sulgen gemachter 
Versuch, eine Giesserei zu betreiben, schlug infolge ungenüg'en- 
der technischer Kenntnisse des Unternehmers fehl. Ebenfalls mei- 
stens aus Baden kamen Messing- und Fisendraht sowie Flach- 
messing, während Baden seinerseits wiederum Rohmessing aus 
dem württembergischen Ulm bezog. Als der Verbrauch in 
Schwenningen grösser wurde, fingen einzelne Kaufleute an, alle 
diese Artikel ständig zu führen. Von der Giesserei kamen die 
rohen Räder vielfach noch zum Räderdreher, der sie ober- 
flächlich rund und glatt drehte ; auch dieses Teilgewerbe finden 
wir in Schwenningen nicht vertreten. Die Ketten steuerte der 
Kettenmacher zur Uhr bei. An der Herstellung der Vor- 
derseite der Uhr waren weitere zwei Hilfsgewerbe beteiligt, näm- 
lich die S c h i 1 d d r e h e r , die das Schild aus Tannenholz aus- 
schnitten, und die Schild maier, die es mit den Stunden- 
ziffern versahen und es auch sonst noch mehr oder minder kunst- 
und geschmackvoll bemalten. An Stelle der Holzschilde traten für 

I) Seiolt a. a. O. S. 15. 2) GolA^in a. a. O, S. 842. 

3) J'effit («■■ a- O. S, 439) erwähnt, dass sich in Schwenningen zwei Personen 
mm Betrieb einer Giesserei verbunden hätten. Nach Bari (a. a. O. S, 28) muss 
diese Giesserei bald wieder aufgehört haben. 



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— 13 — 

die feineren Uhren mehr und mehr bemalte Blech- und Glas- 
schilde. Die Arbeit des eigentlichen Uhrmachers bestand darin, 
dass er in das Gestell die Löcher bohrte, in denen die Räder- 
zapfen ruhen sollten, die Löcher mit Messingblech (den soge- 
nannten Büchsen) auslegte, die rohen, vom Räderdreher halbfer- 
tig gemachten Räder vollkommen abdrehte und mit Zähnen ver- 
sah, die Triebe und die Haken oder Anker herstellte und das 
Ganze zusammensetzte. Schild, Zeiger, Pendel, Ketten, Gewichte 
und dergl. erhielt die Uhr meistens erst, wenn sie aus den Hän- 
den des Uhrmachers in die des Händlers übergegangen war, oft 
erst im Auslande, fern von der Fabrikationsstätte. Man bezeich- 
net alle diese Teile der Uhr als »AusrüstungS'-Gegenstände; die 
übrigen Teile bilden in ihrer Zusammensetzung das »Werk«. 

Auch für die Herstellung der von den Uhrmachern benötigten 
Werkzeuge war in Schwenningen gesorgt durch die Werkstätten 
der »Zirkelschmiede':, die Vorläufer der heutigen mechanischen 
Werkstätten. 

Die Zahl der Händler war bei dem Hange der Schwen- 
ninger zum Hausiererleben im Verhältnis zur Zahl der Uhrmacher 
sehr gross '} ; eine Zeit lang überstieg sie diese. Es ist selbst- 
verständlich, dass bei diesem Zahlenverhältnis die Händler nur 
dann ihr Brot finden konnten, wenn sie auch badische Uhren 
vertrieben ^) ; in manchem Jahr wird von Schwenninger Händlern 
mehr badische als württembergische Ware verkauft worden sein. 
Mit der steigenden Produktion in Schwenningen gewann dann 
aber mehr und mehr die eigene Ware die Oberhand im Handel, 
Es ging nun auch umgekehrt viel württembergisches Fabrikat 
durch badische Händler in die Welt ; denn erst in den 50er 
Jahren sollen in Schwenningen -Packen-Geschäfte entstanden 
sein; bis dahin musste also, wer auf die Vermittel ung der Packer 
angewiesen war, sich mit seinen Uhren nach Baden wenden. Die 
württembergischen Uhren-Hausierer suchten vorzugsweise Nord- 
deutschland, Österreich-Ungarn, die Balkanländer, auch die Schweiz, 
Italien und Holland auf. Förmliche Kompagnien scheinen sie 
nicht gebildet zu haben, wenn sich auch die Angehörigen einer 

Bürk a. a. O. S. 30, 

2) Wenn Poppt a. a, O. S. 439 sagt, dass die Schwenninger Uhren abgeson- 
dert von den badischen in den Handel kämen, so befand er sich in dieseni Punkt 
wohl in einem Irrtum. 



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Familie in der Regel zusammentun mochten ^). 

Ueber den Umfang der Industrie in Schwenningen haben wir 

von Joks. Bürk folgende Aufstellung*): 

Selbständige : Gehilfen : 

eigentliche Uhrmacher 57 51 

Gestellmacher 6 5 

Kasten mache r') 3 3 

Schilddieher 4 3 

Schild- und Ziffeibktt maier 14 21 

Kettenmacher 2 3 

Werkzeugmacher z 2 

Uhren hSndler : 

a. mit ständigen Lagern im Ausland 34 — 

b. blosse Ilatisieier 30 4 

Im ganzen wären das ca. 230 Personen gewesen, wobei die 
grosse Zahl der Schildmaler auffallen muss. In Schramberg 
mögen um diese Zeit 25 Werkstätten mit zusammen ungefähr 
130 Arbeitern bestanden haben*), Schwenningen soll 35000, 
das ganze Oberamt Rottweil 45 ooo Stück Uhren jährlich ver- 
fertigt, ^/i davon einen Wert von i fl. bis 2'/a fl-. Vt von z^\% 
bis 5 fl. gehabt haben; demnach käme man auf einen Gesamt- 
wert von ca. 100 000 fl., während der Wert der Schramberger 
Produktion nur auf ca. 40 000 fl. jährlich geschätzt wurde "). 

1) Mtmmingir (Beschreibung von Württemberg 1S41, S. 445) sagt zwar : »Den 
Verkauf besoigt eine Handelskompagnie« ; jedoch schweigen alle anderen Quellen 
darüber, und es kann sich, soweit der Verfasser erkunden konnte, auch niemand 
des Bestehens einer solchen Kompagnie persönlich erinnern. 

3) Im >GewerbeblatC aus Württemberg« Jahrg. 1S57 S, 155. Johs. Bürk ist der 
Vater des schon zitierten Richard Bürk. 

3) Ueber diese vgl Abschnitt 7 des ersten Teils dieser Arbeit. 

4) Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer Reutlingen 1856, S, 25. 

5) Jahresbericht von Reutlingen S. 25 u. 28. — Die Zahlen der verschiedenen 
Quellen lassen sich schwer miteinander vereinigen. Nach dem erwähnten Bericht 
von Reutlingen wSren im ganzen Oberamt Rottweil, also in Schwenningen, Detss- 
lingen, Locherhof u. s. w. zusammen nur 160 Personen mit der Uhrmacherei und 
dem Uhrenhandel beschäftigt gewesen. Uns scheint aber die flurische Angabe zu- 
verlässiger zu sein ; sie stimmt auch besser zu den Angaben des Jahresberichts über 
den Umfang der Industrie in Schramberg, das jedenfalls bedeutend weniger Uhr- 
macher zahlte als Schwenningen. Was die Produktion angeht, so schützte sie Bürk für 
Schwenningen 1S57 auf 40 000 Stück im Wert von Soooo ^.. was mit der Schätzung 
des Reutlinger Berichts ungefähr stimmt. Die auf 10 000 Stück gehende Schätzui^ 
von Rieh. Bürk für diese Zeit (a. a. O. S. 34) beruht auf einem Irrtum. Psppt hatte 
schon 1839 die Schwenninger Produktion auf 30 500 Uhren jährlich im Wert von 
ca. 90 000 fl. geschätzt. Da sich die Produktion in den 40er Jahren jedenfalls mehr 
als um 10 000 Stück gesteigert hat and Bürk über die Produktion seines Heimst- 
ortes besser unterrichtet gewesen sein dürfte als Poppt, der den Schweiminger Ver* 



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— 'S — 

Viele Plätze, die jetzt keine Uhrenfabrikation mehr haben, 
wenigstens keine selbständige mehr, hatten damals für die In- 
dustrie eine gewisse Bedeutung, so Locherhof, Deisslingen, Spai- 
chingen, das auf dem Heuberg liegende Gosheim, in dem noch 
in den 70er Jahren eine Fabrik mit 20 Arbeitern bestand. Thu- 
ningen war, wie wir schon erwähnten, Hauptsitz der Gestell- 
macherei, für die hier Anfang der 60er Jahre über 20 Meister 
beschäftigt gewesen sein sollen ^). Ein Teil der Produktion ging 
nach Baden. Schura und Hausen o. V. lieferten Gestelle haupt- 
sächlich für die Uhrmacher auf dem Heuberg. 

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich in der Lage 
der Industrie ein Umschwung vollzogen. Aeusserlich waren die 
ersten Jahrzehnte zwar eine Zeit hoher Blüte, Die Produktion 
stieg im badischen Schwarzwald von 110 000 Stück im Jahr 1808 
auf 600000 in der Mitte der 40er Jahre. Dazu kam nun noch 
die immer grösser werdende Produktion Württembergs, Aber 
diese Ausdehnung vollzog sich auf Kosten der inneren Gesund- 
heit der Industrie. Die glänzende Gewinne, die die Händler im 
18. Jahrhundert machten, führten bald zu einer Auflösung der 
alten einfachen Sitten ^ und verlockten viele Leute, sich dem 
Uhrenhandel zuzuwenden, die zu ihm nichts weiter mitzubringen ver- 
mochten als Sucht nach Gewinn und Lust an einem unsteten 
Leben. Es verschwand das Solidaritätsgefühl und es traten im 
Uhrenhandel Erscheinungen auf, die wir heutzutage gemeiniglich 
als »unlauteren Wettbewerb« bezeichnen. Wo eigener Vorteil 
winkte, schreckte man nicht vor einer Schädigung der Allgemein- 
beit zurück. Man reizte fremde Staaten an, dem Schwarzwälder 
Uhrenhandel alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen. 
Der starke Wettbewerb drückte die Preise. Dabei wurde es in- 
folge des lockeren Lebens, das sich bei den Händlern einge- 
bürgert hatte, und infolge der Mittellosigkeit, mit der viele den 
Handel begannen, immer häufiger, dass die Uhrmacher ihr Geld 
für die gelieferte Ware erst nach Jahren oder gar nicht erhielten ^). 
Die alte Zucht, die die Kompagnie-Vorstände über die jüngeren 

hältnissen fem stand, kann angenommen werden, dass Poppe die Produktion Über- 
schätzte. 

I) yohi. Burk im Gewerbeblatt S. 493. 

a) yäck a. a. O. S. 60, 

3) Schon Stirer forderte in Rücksicht auf die Uozuverlässigkeit mancher Händ- 
ler die Hinterlegung eines iVorsatzesi durch diese. A. a. O. S. 53. 



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— I6 — 

Mitglieder ausgeübt hatten, verfiel ; wo sie weiter bestand, wurde 
sie nicht selten der Deckmanlei für tyrannische Ausbeutung. 

Die starke Ausdehnung des Handels hatte zwar die wohltätige 
Folge, dass immer mehr Uhrmacher im Schwarzwald beschäftigt 
werden konnten. Aber die Industrie hob sich nur quantitativ, 
nicht auch qualitativ ; weder wurden die Uhren besser noch wurde 
der Herstell ungsprozess vervollkommt oder verbilligt. In tech- 
nischer Beziehung herrschte von Ende des i8. Jahrhunderts an 
ziemlich vollständige Stagnation ; es riss sogar vielfach Pfuscherei 
ein, denn je zahlreicher die Händler wurden und je mehr unter 
ihnen die Zahl derjenigen wuchs, die nichts von den Uhren ver- 
standen und auch nicht bestrebt waren, ihre Kundschaft solide zu 
bedienen, um so leichter konnten die Uhrmacher auch für schlechte 
Ware Absatz finden, um so häufiger wurde es, dass sich Leute 
als selbständige Uhrmacher etablierten, die das Handwerk nicht 
beherrschten. 

Den Hauptteil der Schuld an dem Verfall der Industrie schob 
man aber dem Packerwesen zu. Wir haben schon im ersten 
Abschnitt die Spediteure oder .Packer« erwähnt, die die Beförde- 
rung der Uhren zu dem auswärtigen Hausierer besorgten. Die 
Tätigkeit dieser Packer, die sich nun vorzugsweise aus Krämern 
und Wirten rekrutierten, erweiterte sich mehr und mehr; sie wur- 
den an Stelle der Hausierer die eigentlichen Händler, diese ihre 
Kommissionäre. Den weniger zahlreichen , geschäftsgewandten, 
mit grösseren Mitteln ausgerüsteten Packern gegenüber war nun 
die Stellung der Uhrmacher naturgemäss so wie so weniger günstig, 
als sie es früher den Hausierern gegenüber war. Dazu kam nun 
aber noch, dass die Packer auch den Handel mit dem Rohguss, 
den Erzeugnissen der Teilgewerbe und den sonstigen Hilfsmate- 
rialien übernahmen und die ihnen gelieferten Uhren und Bestand- 
teile meistens zum voraus mit Waren aus ihren Kramläden be- 
zahlten. Nach der Schilderung von Meitsen^) gestaltete sich jetzt 
der Geschäftsgang ungefähr folgendermassen : 

.Sobald der Auftrag des Hausierers eingelaufen ist, bestellen 
sie alle einzelnen Teile bei den von ihnen bevorzugten Fabri- 
kanten; sie schiessen dabei jedem das notwendige Material vor 
und eröffnen ihm zugleich ein Konto für die Erhebung seiner 
anderweitigen Bedürfnisse. Es braucht also der Uhrmacher weder 
i) Mtilieit, Ueber die UhrenindusErie d«s Schwarzwalds. 1849. Sooderabdruck 
aus der Zeitschrift Alemannia 1900. S. 17. 



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— 17 — 

dem Gestellmacher, von dem er die Gestelle erhalten hat, noch 
dem Giesser oder dem Kettenmacher für das Gusswerk und die 
Kettenräder Zahlung zu leisten, sondern alle diese haben ihre 
Bestellung direkt vom Spediteur erhalten und fordern auch nur 
an diesen.« 

•Mit den Verfertigern solcher Uhrenteiie, die erst im Aus- 
lande vom Hausierer an die Uhr at^epasst werden, z. B. Ziflfer- 
blätter, Perpendikel, Glocken, werden auf ganz dieselbe Weise 
abgesonderte Geschäfte abgeschlossen.« 

»Läuft nun das Geld ein, so werden die gemachten Vor- 
schüsse von der Rate jedes Fabrikanten abgezogen und nur der 
Rest bar ausbezahlt. Sollte ein Konto zu gross geworden sein, so 
kann durch eine neue Bestellung an den guten Kunden leicht die 
nötige Garantie für die Deckung erlangt werden.« 

iDa die Barzahlungen immer sehr gering sind, so zahlt der 
Spediteur auf diese Weise eigentlich dem Fabrikanten seine Ar- 
beit im voraus und kreditiert seinerseits dem Hausierer; dabei 
besorgt er alle kaufmännischen Geschäfte , so dass der Verkehr 
sich ganz und gar auf sein Kapital und seine Intelligenz stützt, 
und er als der eigentliche Unternehmer erscheint- 

»Der Fabrikant ist unvermerkt zum Arbeiter geworden; er 
erhält zwar scheinbar einen sehr annehmbaren Stücklohn berech- 
net, wird aber durch die Auszahlung in Waren, gegen deren 
Preissätze er nie Widerspruch erheben kann, um sehr bedeutende 
und ungewisse Prozente verkürzt, die den Kapitalzins und Unter- 
nehmungsgewinn des Spediteurs ausmachen.« 

•Der Hausierer endlich ist der Kommissionär des Spediteurs. 
Er hat demselben einen bestimmten Satz, den Marktpreis, abzu- 
führen, und dafür bleibt ihm das Plus überlasssen, welches er 
vom Konsumenten durch vorteilhafteren Verkauf erlangen kann.« 

Die Uhrenindustric war in eine Verfassung geraten, die ihr 
nach der allgemeinen Vorstellung den Charakter der Hausin- 
dustrie gab. Ob sie vor der Wissenschaft streng genommen 
als solche gelten komite, müssen wir dahin gestellt sein lassen. 
Wer diese Frage entscheiden wollte, müsste erst in dem Streit, der 
über den Begriff Hausindustrie besteht, Stellung nehmen. Das 
würde aber über den Zweck der Arbeit, den Ent wickelungsgang 
der Industrie zu schildern, hinausgehen, ohne dass bei einer 
solchen en passant gegebenen theoretischen Erörterung ein Nutzen 
für die Wissenschaft herauskommen könnte. Soviel steht jeden- 



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— i8 — 

falls fest, dass das Packersystem eine wesentliche Umgestaltung 
der Verfassung der Industrie mit sich brachte. Vor dem Auf- 
kommen des Packerwesens unterschied sich die Uhrmacherei des 
Schwarzwalds von dem gewöhnUchen Handwerk nur dadurch, dass 
sie nicht von städtischen Zunftmeistern, sondern von Bauern auf 
dem Lande ohne Zunftzwang*) und sonstige behördliche Regle- 
mentierung und nicht für den lokalen Absatz , sondern für den 
Absatz nach auswärts und zwar zuerst für einen durch eigenes 
Hausieren erzielten, dann für einen in der Regel durch besondere 
Hausierer vermittelten Absatz ausgeübt wurde. Auch das Hinein- 
schieben eines , weiteren Zwischengliedes zwischen Fabrikation und 
Absatz mit den Packern änderte an sich den Charakter der Indu- 
strie nicht. Das geschah aber dadurch, dass die Packer zugleich 
die Lieferanten für die Rohmaterialien und Teilerzeugnisse wurden 
und die Meister, indem sie ihnen diese und die für ihren Lebens- 
unterhalt benötigten Waren kreditierten, fester und fester an sich 
ketteten. 

Aeusserlich ist auch jetzt noch das Verhältnis zwischen Uhr- 
machern und Packern das von Verkäufern und Käufern ; nach der 
Lie/maMnschen Definition der Hausindustrie wäre also auch jetzt 
noch die Uhrmacherei nicht unter die Hausindustrie zu rechnen *). 

Ausserdem war, v/ie Meüsen selbst bemerkt, der von ihm 
geschilderte Geschäftsgang selten in seiner ganzen Konsequenz 
ausgebildet. Es ist das auch später nicht geschehen. Eine eigent- 
liche >Leitung< der Produktion übten die Packer zum mindesten 
in der Zeit, von der wir jetzt sprechen, nicht aus. 

Den Packern wurden nun die gröbsten Missbräuche vorge- 
worfen. Anstatt sich mit einem angemessenen Gewinn zu be- 
gnügen, suchten sie — hicss es — auf allerlei unrechten Neben- 
wegen Geld zu erhaschen'). Sie berechneten zu hohe Fracht*), 

1) Es seien keine anderen als »liölzerDeo Ubimncher im Bezirl:, die nicht >zünr- 
t^< sind, berichtet 1809 das Oberiimt Ilotnbeig nach Stuttgart, a.ls es es sich um 
die Aufhebung des Zunftzwangs für die Uhrmseher handelte. Auch die Schwab. 
Chronik 1786 hebt hervor, dass die Hokuhrmacherei nicht zünftig sei und viele 
schon unmittelbar nach kurzer Lehrzeit 'für sich anfingen'. 

2) Litfmann, Ueber Wesen und Formen des Vertrags. 1899. S. 83, Noch Ende 
der 7oec Jahre, als die Abhängigkeit der Kleinmeister viel grösser geworden war, 
wurde die Uhrenindustrie bei den Erhebungen der K, Zentralstelle über die wftrt- 
tembergischen Hausindustrien gar nicht berücksichtigt, abgesehen von den wenigen 
Meistern, die für die Regulateur-Fabriken in MUhlheim a. D. arbeiteten. 

3) Uhrenge werbsblatt 1847, S. 91/9Z. 

4) Uhrengewerbsblatt 1848, S. 37. 



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— 19 — 

gaben den Uhrmachern niedrigere Preise an, als ihnen die Händler 
eingeräumt hatten, zwangen sie bei der Abrechnung zur Gewährung 
von Zurückgeschenken und hingen ihnen — und das war wohl 
das Schlimmste — die anstatt bar Geld gelieferten Waren zu 
unerhörten Preisen auf^). Lange Zeit blieb zudem das Rechts- 
verhältnis zwischen Uhrmacher, Packer und Hausierer vielfach un- 
klar^, so dass sich der Packer bei Zahlungsunfähigkeit des Hau- 
sierers, wenn er böswill^ war, der Haftung gegenüber dem Uhr- 
macher entziehen konnte ; aber meistens hatte ja der Uhrmacher 
bei Ablieferung der Uhren an den Packer überhaupt nichts mehr 
von diesem zu fordern. Die guten Zeiten grosser Gewinne konn- 
ten aber auch für die Packer nicht lange dauern. Der grosse Ver- 
dienst reizte immer mehr Leute an, sich dem Packergeschäft zu- 
zuwenden; mit der wachsenden Konkurrenz musste aber auch 
der Verdienst zurückgehen. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts scheint im Handel mit 
Schwarzwälder Uhren eine grosse Verwirrung eingetreten zu sein. 
Die alten Händler-Kompagnien wurden durch die Rivalität der 
Packer vielfach gespalten*); jeder neue Packer versuchte, sich 
eine eigene Kompagnie zu gründen. Manche Schwarzwälder Uhren- 
bändler machten sich auswärts »im Uhrenland' ansässig; das 
Geld, das sie verdienten, floss nicht mehr nach dem Schwarzwald 
zurück. Aus der Mitte der Packer wurde mehr und mehr ver- 
sucht, die Uhren unter Umgehung der Schwarzwälder Händler an 
auswärtige Kaufleute abzusetzen*). Umgekehrt wurden auch die 
Packer von Uhrmachern und Händlern vielfach umgangen. Dass 
Uhrmacher ihre Uhren verhausierten oder sie direkt an Händler 
absetzten, hatte ja nie ganz aufgehört. Der Absatz an die 
Händler wurde nun wieder häufiger. >Es gab Uhrmacher, die 
schuftig genug waren, auf die innere Seite des Rückbretts ihre 
Adresse zu schreiben und Uhren an die Abnehmer ihrer Packer 
feilzubieten zu den gleichen Preisen, die sie von diesen dafür 
erhielten , bloss um ihnen das Packere^eschäft zu entreissen 
und eine Zeit lang eine grosse Rolle spielen zu können' "). Aber 

i) llhrengewetbsblatl 1E47, S. 92. Bemeikenswert sind die von ^äci S. Ö3 mit- 
geteilten Verse einer Sonnta.gsschU]erm JD Gntenbach (Margareca Duffner] über die 
Ausbeutung der Uhrmacher durch Packer und Händler. 

1) Pcppc a. B. O. S. 435. 

3) Ubrengewerbsblatt 1S48, S. 38. 

4) Uhrenge werbsblatt 1S47, S. 104 und 1S4S, S. 38. 

5) Ubrengewerbsblatt 1848, S. 39. 



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auch von den Händlern erhielten die Uhrmacher zuweilen statt baren 
Geldes irgendwelche Waren zur Zahlung. Zentnerweis brachte 
man ihnen aus Holland Kaffee und Zucker, schlecht und teuer ^). 
Schliesslich trat auch ein direkter Verkehr zwischen auswärtigen 
ansässigen Geschäften und Schwarzwälder Uhrmachern ein. Kauf- 
leute, insbesondere solche aus Frankfurt a. M., fingen an, den 
Schwarzwald zu bereisen. Selbst sie ahmten das Tauschwaren- 
system der Packer nach, übertrumpften es sogar noch, indem sie 
statt nützlicher Waren goldene und silberne Taschenuhren als Zah- 
lung gaben. »Solche liessen sie sich kistchenweis aus der welschen 
Schweiz schicken und logen die armen Uhrmacher und Maler an, 
sie hätten die Taschenuhren selbst an Zahlungsstatt annehmen 
müssen«^). Die auswärtigen Kaufleute scheinen allerdings bald 
herausgefunden zu haben, dass es für sie besser war, sich der 
Vermittelung der Packer zu bedienen, die Kapital genug hatten, 
um ihnen langen Kredit einräumen zu können. 

Bei der württembergischen Industrie war das Packer-System 
wenig ausgebildet. Nach Btirk *) gab es in Schwenningen um das 
Jahr 1850 überhaupt keine Packer, Wenn das allerdings auch nicht 
ausschliesst, dass viele Schwenninger Uhrmacher mit badischen Pak- 
kem verkehrten, so ist doch wahrscheinlich, dass der grösste Teil 
der Uhren direkt an die Hausierer oder an grössere Geschäfte, 
insbesondere in Stuttgart, abgesetzt wurde. Auch wurden viele 
Uhren von den Uhrmachern selber verhausiert ; in Locherhof war 
das die Regel; in Schwenningen girren noch 1857 von 57 Uhrma- 
chern 15 selber auf die Wanderschaft, 

Da in Württemberg trotz der geringen Ausbildung des 
Packer-Systems die Lage durchaus nicht besser war als auf dem 
badischen Schwarzwald, so ist zu vermuten, dass die Schuld der 
Packer an dem Verfall der Industrie nicht ganz so gross war, wie 
man arjzunehmen pflegt. Die Industrie bedurfte bei ihrer Zer- 
splitterung in eine Reihe von Teilgewerben einer Vermittelung, 
die sie in den Packergeschäften fand. Deren Vorhandensein 
konnte auch den späteren Uebergang zum Fabrikbetrieb oder zu 
einer strafferen Zusammenfassung der Hausindustrie erleichtem *). 



1) UhrengewerbsblaCt 184g, S. 69. 
2} Uhrenge werbsblatt S. 40. 

3) A. a. O. S. 31- 

4) Eine Orgnnisadon der Industrie mit dem Packer an der Spitze schwebt auch 
dem Einsender eines Artikels im Uhcenge werbsblatt 1847, S. 107 vor. Er schreibt : >An 



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— 21 — 

Ein Vorteil für die Uhrmacher war es jedenfalls auch, statt an 
die Hausierer, die sich nur selten in der Heimat sehen Hessen 
und unter denen sich viele unsichere Kantonisten befanden, auf 
Kredit zu liefern, an den im Schwarzwald ansäss^en Packern 
Abnehmer zu haben, die darauf Wert legen mussten, sich ihren 
Ruf als zuverlässige Geschäftsleute zu erhalten. 

Für die auf der Baar, auf dem Heuberg und in einzelnen 
Orten des Oberamts Obemdorf zerstreut sitzenden Uhrmacher 
war gerade das Fehlen von Packergeschäften eine Leidensquelle! 
Man war bei der Einführung der Industrie wohl etwas unsyste- 
matisch vorgegangen, hatte nicht genügend in Rechnung gezo- 
gen, dass die Schwarzwälder Uhren aus einem Zusammenwir- 
ken verschiedener Teilgewerbe hervorgingen. Wohnte ein Meister 
isoliert, so musste er unverhältnis massig viel Zeit für die Be- 
schaffung der nötigen Materialien opfern, unverhältnismässig viel 
Zeit auch für den Verkauf seiner Fabrikate. Es war schwerer, 
für diese über ein grosses Gebiet zerstreuten Meister ein Spezial- 



der Spitze des ganzen Uhrengeschäfts sollen die Packer stehen als Mitcebpeisonen, 
einmal gegenüber den Uhrenge werbsleuten und dann gegenüber den Uhrenbitndlem. 
Das ganze Uhrengeschtirt soll durch die Packer geleitet werden, und »lie Verbesse- 
rungen und Vervollkommnungen sollen von ihnen ausgehen. Daher sollte jeder 
Packer vor allem selbst ein vorEÜglicher Uhrmacher sein und die Fähigkeit besitzen. 
Risse 2M neuen, bessern, schönem Uhren anzufertigen. Nach diesen Rissen sollen 
die Pflclter Gestelle bei den Geslellmaehern bestellen, Uhren gusswaren bei den Gies- 
sem, Fallen, HBmmer, Kloben beim Schmied, Pendel beim Pendelmacher, Gewichte 
beim Gewichtmacher, Schilde beim Malei. Alle diese Uhrenbestandleile sollen als 
FoumittlreQ betrachtet und nicht wie bisher vonUhrenmachem angeschafft, sondern 
von Packern massenweise vorrätig gehalten weiden. Nachdem für alles dieses ge- 
sollt ist, fängt erst die eigentliche Uhrenmacherei an. Hier steht wieder der Packet 
an der Spitze. Er sorgt dafür, dsss alle Räder genau nach dem Riss auf einer Ma- 
schine gedreht und geschnitten werden. Ebenso sollen die Getriebe durch einen 
Spindelbohrer angefertigt werden genau nach dem Riss. Getriebe und ^der über- 
gibt dann der Packer nebst den Gestellen einem Einsteller, der alles fertig machen 
soU bis an das Steigrad und an den Haken. Die soweit hergefertigte Uhr soll als- 
dann an den Packer abgeliefert und gut untersucht werden , ob alles gehörig ge- 
macht sei. Ist dies der Fall, so wird die Uhr an den Gangsetzer abgeliefert, der 
das Steigrad und den Haken, welche vom Packer ebenfalls vorrätig gehalten wer- 
den sollen, von demselben bezieht und einsetzt. Der Gangsetzer soll die Uhr noch- 
mals prüfen und soll verantwortlich sein für die Richtigkeit aller ihrer Teile. Von 
semer Genauigkeit bei dieser Hauptuntersnchung jeder Uhr soll sein Fortkoramen 
abhängen. Auf diese Weise wtre die Arbeitsteilung bei der Schwarzwälder Uhren- 
macherei der Hauptsache nach geordnet.« Der Einsender dieser Ausführungen 
hatte wohl die Ordnung der Dinge im Auge, wie sie in der Schweizer Taschenuhren- 
macherei nnd in der Ubrenindnstrie von Morez (vgl. S. 23) bestand. 



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geschäft für den Verkauf von Uhren nach auswärts zu betreiben, 
als dort, wo die Uhrmacher ei^er bei einander sassen; denn man 
brauchte, da man bei der grossen Entfernung der Meister die 
Aufträge nicht erst an diese weiter geben konnte, wenn sie ein- 
gelaufen waren, ein grösseres Lager, also auch ein grösseres 
Kapital. 

Unter diesen Umständen hatten die Uhrmacher mit grossen 
Absatzschwierigkeiten zu kämpfen. Die Uhrmacher des nordöst- 
lichen Teils des Heubergs waren so von aller Verbindung abge- 
schnitten, dass sich schliesslich der Schultheiss von Thieringen 
ihrer erbarmte, sie zu einer unter seiner Leitui^ stehenden Ge- 
sellschaft vereinigte und den Verein zur Beförderung der Gewerbe 
um Erschliessung von Absatzwegen ersuchte. Der Verein brachte 
dann auch diese Uhrmacher mit Kaufleuten in Stuttgart, Ham- 
burg und Berlin in Verbindung, leitete so einen Export nach 
China in die Wege und veranlasste die Gesellschaft auch zur Aus- 
stellung ihrer Uhren in der gleichzeitigen Gewerbeausstellui^ in 
Berlin (1844). Aber dauernd und allgemein liessen sich die aus 
der Isolierung der Uhrmacher entspringenden Missstände nicht 
beseitigen ^). 

Die Uhrmacher in Locherhof zogen es vor, mit ihren Uhren 
selber hausieren zu gehen. Sie fanden das Hausiererleben so 
nach ihrem Geschmack, dass ihre Uhrmacherei dabei mehr und 
mehr zu kurz kam und den Krebsgang ging. 

Infolge der Isoliertheit der Uhrmacher bildete sich auch nicht 
die Spezialisierung heraus, wie sie auf dem Schwarzwald bestand, 
dass der eine Meister diese, der andere jene Sorte machte. Ein 
Meister, der alle Sorten machte, konnte aber weder so billig 

l) Bei der Einführung der Industrie auf dem Heuberg war vorgesehen, dass 
ein Kaufmann Schnell in Rottweil den Vertrieb der Uhren besorgen sollte ; doch 
hören wir dann von der tatsächlichen Einrichtung eines Uhrenhandels durch diesen 
nichts. Dagegen wurde in DeissUngen von dem Kaufmann Emntinger der Uhren- 
hsndel lange Zeit schwunghaft betrieben; durch ihn dürfte hauptsSchlich das Hea- 
beiger Fabrikat verkauft worden sein. Zur Ausdehnung seines Geschäfts erbat Em- 
minger 1840 ein staatliches Darlehen von 6000 fl. Das Ministerium des Innern 
war geneigt, dem Gesuch zu entsprechen, nicht aber das Finanzministerium. Dieses 
wandte hauptsächlich ein, dass Emminger nur einen Handel trttreibe. Es erkannte 
auch schon damals die Notwendigkeit des Uebergangs eines Teils des Arbeitspro- 
zesses an grössere mit Maschinen ausgerüstete Werkstätten, deren Inhabet zugleich 
auch den Vertrieb der fertigen Uhren für eigene Rechnung übernehmen sollten. 
(Akten des Finanzarchivs). 



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— 23 — 

noch so gut fabrizieren, wie einer, der sich auf eine Sorte be- 
schränkte. 

Alle die Missbräuche, die sich in der Uhrenindustrie und im 
Uhrenhandel des Schwarzwalds einschlichen, wurden zum Ver- 
derben beider, als auswärtige Konkurrenz-Fabrikate für den Mas- 
senabsatz auftraten. 

Meitzen erwähnt als solche die in Morez ^) in der Franche- 
Comt^ beigestellte sogenannte Comt^-Uhr, eine in Form und Grösse 
der Schwarzwälder ähnelnde Wanduhr, die aber ganz aus Eisen 
verfertigt wurde und den Ruf höchster Solidität genoss '). Von 
noch grösserer Bedeutung wurde jedoch bald die Konkurrenz von 
Beaucourt, Montb^Uard und anderen Plätzen der westfranzösi- 
schen Uhrenindustrie, an denen für die Herstellung von Roh- 
werken grosse maschinell eingerichtete und mit weitgehender Ar- 
beitsteilung betriebene Fabriken entstanden. Auch die Wiener 
Regulateuruhren-Industrie machte technische Fortschritte. Am 
gefährlichsten aber wurde die Konkurrenz der neu erstandenen 
amerikanischen Uhrenindustrie. »Der durch einfache Handarbeit 
hergestellten, in ihrer Konstruktion und Ausrüstung ganze Men- 
schenalter hindurch stabil gebliebenen Schwarzwälder Uhrenfabri- 
kation erwuchs gegen die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts 
eine ebenso mächtige als unerwartete Konkurrenz aus Nordamerika 
durch ausgedehnte Fabrik-Etablissements, welche mit raffinierter 
Arbeitsteilung und Maschinen-Einrichtung enorme Quantitäten von 
Wand- und Schiffsuhren aus gewalztem und gestanztem Messing- 
blech herstellten und dieselben auch über die alte Welt, die der 
Schwarzwälder bisher sein Uhrenland nannte, zu verbreiten be- 



A. a. O. S. 19. 

z) Die damalige Organisation der Industrie in Morez scheint sich von der des 
SctiwarzwBlds dadurch unterschieden zu haben, da»s die Leitung der Industrie mefai 
in den Händen von Kaufleuten lag. Diese tauften nicht die vollständigen Uhren, 
sondern nur Gestelle und Bestandteile von den Gestell- und Bestandteilmachem und 
Hessen dann die Werke von Heimarbeitern znsammenselien. Zur Leitung dieser 
Fabnkation standen ihnen vollständig ausgebildete Uhrmacher als ihre technischen 
Chefs zur Seite , die auch den Schlussakt , Anbringung von Zifferblatt , Zeiger und 
Glocke, Regulierung des Werks und Einsetzen in den Kasten in der Werkstätle ihres 
Prinzipals besorgten. Das Zusammenwirken der Teilarbeiter wurde dadurch erleich- 
tert, dass nur eine einzige Sorte Uhren in zwei Grössen (9 und 10 Zoll) fabriziert 
wurde. Es sollen Mitte der 50er Jahre in Morez und Umgegend iz 000 Menschen 
Industriell tätig gewesen sein, allerdings nicht nur für die Fabrikation von Uhren, 
sondern auch für die Herstellung von Bratenwendern, Brillengestellen n. 3. w. (Ge- 
werbeblatt für den Schwarzwald 1854, Nr. 19.) 



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— 24 — 

müht waren ').' 

Während der Schwarzwälder Uhrmacher die aus einer Giesse- 
rei oder von einem Zwischenmann bezogenen rohen Bestandteile 
mit primitiven Werkzeugen (dem Räderschneidezeug, Spindel- 
bohrem, EinsteUzirkeln u. s. w.) so weit bearbeitete, bis er sie 
mit dem hölzernen Gestell zu einem Werk zusammensetzen konnte, 
das einigermassen zuverlässig ging, waren die Fabrikanten in 
Amerika sowohl wie in Frankreich dazu übergegangen, die Räder 
und Platinen aus gewalztem Messingblech zu stanzen. Das Mes- 
singblech hat vor dem Messingguss den Vorzug, dass es gleich- 
massiger ist, keine Poren hat und nicht so leicht bricht. Die 
Stanzpressen liefern die Teile in glatterer und präziserer Form 
als die Giesserei, so dass für die weitere Zurichtung weniger Ar- 
beit übrig bleibt. Für die Zurichtung hatten die ausländischen 
Unternehmer eine Reihe von Maschinen ; solche die das Ein- 
schneiden der Zähne in die Räder besorgten, andere zum Ar- 
rondieren der Räder, wieder andere zum Bohren der Zapfenlager, 
zum Schneiden der Triebe, zum Polieren der einzelnen Teile 
u. s. w- Zum Teil arbeiteten diese Maschinen in grossen Fa- 
briken und wurden von motorischen Kräften bewegt. Es be- 
diente nicht ein Arbeiter alle Maschinen, sondern jeder nur eine 
oder einige gleicher Art; es fand also eine weitgehende Arbeits- 
teilung statt, die es den Arbeitern ermöglichte, in ihrer Arbeit 
grosse Gewandtheit zu erlangen, so dass die Fabrikanten grosse 
Mengen Bestandteile billig und präzis herstellen konnten ^). 

1) Viscliir, Die industrielle Entwicklung im Königreich Würtlembeig, 1S75, S. 416. 
Nach einer Mitteilung im wüitl. Geweibeblatt 1S61 S. 271 wurden damals in Connecti- 
cut in 32 Fabriken von 2500 Arbeitern l 617000 Uhren jahrlich hergeslellL Nach 
Hamburg sitein sollen 1S57 gegen 1000 Sendungen Uhren im Werte von 2000 £ 
gekommen sein, was allerdings nicht gar so viel wäre ; bei einem Durchschnittswert 
der Uhr von 3 M. käme man auf 27000 Stück, also weit weniger als in Schwen- 
ningen produziert wnrdc. Die Qualität der Uhren, bei denen auch die Zähne der 
Räder gestanzt waren, liess, wie yoks. Bürk in demselben Jahrgang des Gewerbe- 
blatls S. 291 mitteilt, so viel zu wünschen übrig, dass die Uhren lange Zeit in Ham- 
bui^ unverkauft liegen blieben. Immerhin war die amerikanische Konkurrenz durch 
ihren maschinellen Grossbetrieb für die Scbwarzwälder Uhnnacherei eine grosse Ge- 
fahr und wirkte preisdriickend. 

2) Um die Ersetzung der gegossenen Rohbc stand teile durch gestanzte Messing- 
blechbestandteile hatte sich die württembci^ische Regierung bezw, der Verein zur 
Beförderung der Gewerbe schon in den Jahren 1834/35 gelegentlich eines Versuchs, 
die Uhrmacherei in Locherhof in Schwung zu bringen, bemüht. Uer Hauptzweck 
dabei war, die württembergischen Uhrmacher von den badischen Giesäem unab- 



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— 25 — 

Der technisch vorgeschrittenen Konkurrenz des Auslands zu 
begegnen, wusste man auf dem Schwarzwald kein anderes Mittel 
als die immer weitere Herabsetzung der Preise. 

Nach den von der Schwab. Chronik 1786 mitgeteilten Selbst- 
kosten- und Verkaufspreisen muss der Verdienst der Uhrmacher 
damals recht gut gewesen sein. Steyrer bezeichnet jedoch die Preis- 
angaben der Chronik als unrichtig. Auch er weiss schon von 
bedeutenderen Preisrückgängen zu berichten ^). Die Waguhren 
gab man zuerst um 3, dann um 2, zuletzt um einen rauhen Gul- 
den = 50 Kreuzern ab. Auf denselben Stand fielen später die 
Preise der Pendeluhren. Für die Kuckucksuhren verlangte man 
zuerst auch 3 Gulden, bis sie die Brüder Grieshaber »Gewissens- 
halber« um i fl. 40 Kr. abgaben. Die Preise der Spieluhren 
waren sehr verschieden je nach der Beschaffenheit der einzelnen 
Werke; sie stiegen bis zu 16 Louisdor. Trotz des Preisrück- 
gangs hat jedoch Steyrer noch nicht über ein Miss Verhältnis von 
Kosten und Erlös zu klagen. Dagegen tut das schon der etwa 
1 5 Jahre nach ihm schreibende yäck *), der die Teuerung der 
Materialien hervorhebt. Von den 20er Jahren an verlief die Preis- 
entwicklung immer unglücklicher. Der Preis einer gewöhnlich 
verzinnten 24 Stunden-Uhr war 



hangig zu machen. Die Idee ging vom ^Messing fabrikanten Wieland in Ulm au^; 
ob sie ans dessen eigenem Kopfe entsprang oder ob die Verwendung gestanzter 
Teile scbon damals im Auslände üblich war und Wieland davon Kenntnis hatte, 
wissen wir nicht, Wieland empfahl die gestanzten Räder als haltbarer und gleich- 
fSrmigei ; man könne, meinte er, auch gleich die Zähne ausstanzen. Dagegen wurde 
eingewandt, der Bedarf sei zu klein, als dass die gestanzten Räder so billig herge- 
stellt werden könnten wie die gegossenen ; für grössere Uhren seien Räder aus Mes- 
singblech zu weich: endlich sei Ulm vom Schwarzwald zu weit entfernt. Ein ab- 
lehnendes Urteil gab wenige Jahre äptlter (1S40), als die Frage anlässlich eines 
Projekts zweier badischer Unternehmer, in Rotlweil mit Staatsunterstützung eine 
Fournituren- und Werkzengfabrik zu gründen, von neuem erörtert wurde, auch der 
Uhrenhändter Emminger in Deissüt^en ab. Die gestanzten Räder, führt er in sei- 
nem Gutachten aus, seien wohl verwendbar, kämen aber, wenn sie in der von den 
Käufern der Uhren verlangten Stärke gemacht würden, zu teuer; eher liesse sich 
die Verbesserung bei den kleineren Uhren , die von den höheren Klassen und mit 
grösserem Sachverständnis gekauft würden, durchführen; aber für diese sei der Be- 
darf zu klein. Trotz dieser Bedenken kamen Anfang der 40er Jahre tatsächlich 
gestanzte Räder zur Verwendung. Aber es scheint sich doch nur um einen vorüber- 
gehenden Versuch gehandelt zu haben; wenigstens Kören wir später nichts mehr 

I) a. a. O. S. 33 ff- 2) »■ ». O. S. 38. 



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am 1817 3 S. 30 kr. 

. 1827 3 • — » 

. 1837 2 . 30 . 

. 1847 2 » la . 

bis herunter zu i fl. 12 Kr. Entsprechend sanken die Einnah- 
men eines Uhrmachers, der mit zwei Gehilfen 700 — 750 solcher 
Uhren jährlich verfertigte von 2625 fi. um das Jahr 1817 auf 
1875 bezw. 1350 fl. um das Jahr 1847 •). Bürk^) führt fönende 
Beispiele an : Der Verfertiger der Jockele-Uhren Michael Vosseier 
erhielt für seine Uehrchen anfangs l Karolin (11 Gulden ^ 
18.80 M.) längere Zeit dann noch 12 — 14 M., später musste er 
sich mit 9 M., schliesslich sogar mit 5 M. und weniger begnügen. 
Von den gewöhnlichen Schwarzwälder Uhren (die blossen Werke) 
sanken die 12 stündigen von 2 M. 50 Pfg. auf i M. 70 Pfg., die 
24stündigen von 5 M. auf weniger als 4 M., die Stägigen von 
10 M. auf 5 M. 60 Pfg., ebenso die 30stündigen Zugfedemuhren *). 
Ein Meister kam nur noch auf einen Tagesverdienst von i M. 
14 Pfg. bis 1 M. 35 Pfg., ein Geselle bei freier Wohnung und 
Beköstigung auf einen Wochenverdienst von ganzen 70 Pfg. bis 
allerhöchstens l M 20 Pfg. 

i) Uhrengewerbsblalt 1847, S, 55. 

2) A. a. O. S. 32 ff. 

3) Alle diese Angaben lassen sich, sofern sie sich aaf die Preise, die der Uhi- 
macher erhielt, beziehen, schwer vereinen mit der jt/fiA^n 'sehen Mitteilung, dass 
die von den Packern gezahlten Preise infolge des Trucksystems nominell ihren 
alten Stand behaupten konnten. Auch der Vergleich der Preisliste eines Schwen- 
ninger Geschäfts ans dem Jahre 1851 mit den von Poppt (S. 379) 1840 ange- 
gebenen Preisen zeigt kein Sinken der Preise, eher eine Steigerung. 



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Dritter Abschnitt. 

Die Versuche zur Hebung der Industrie '). 

Wie in Baden, so sann man auch in Württemberg auf Mittel 
und Wege, der Uhrenindustrie aus ihrer Misere herauszuhelfen. 
Es bot sich hier ein weites Tätigkeitsfeld für die 1848 zur Pflege 
der Landesindustrie neu errichtete Staatsbehörde, die K. Zentral- 
stelle für Gewerbe und Handel. Bald traten an diese Behörde 
auch von aussen Gesuche heran, die sie veranlassen mussten, der 
Uhrenindustrie ihr besonderes Interesse zuzuwenden. 

Unter Bezugnahme auf eine schon 1845 dem Verein zur Be- 
förderung der Gewerbe gegebene, erfolglos gebliebene Anregung 
und unter Hinweis auf die von der badischen Regierung einge- 
leitete Aktion zur Hebung der Uhrenindustrie schlug der Uhr- 
macher Hipp in Reutlingen der Zentralsteile die Errichtung einer 
staatlichen Musterfabrik an einem geeigneten Orte des Schwarz- 
waldes vor. Diese sollte eine doppelte Aufgabe haben, nämlich 
einmal im Schwarzwald die Fabrikation von Stand- oder sog. 
Stockuhren einführen, sodann — was das Wichtigere war — 
nach den Vorbildern in der schweizerischen Taschenuhrfabrika- 
tion als Bestandteil-Lieferant und als Verkäufer der fertigen Uhren 
für die Uhrmacher dienen. In der Fabrik sollten diejenigen Teile 
gefertigt werden, deren Herstellung die kostspieligsten und am 
schwersten zu handhabenden Maschinen erforderte; die übrigen 
Arbeiten, mit Ausnahme der Fabrikation von Musteruhren, sollten 
von Arbeitern, die allerdings die Fabrik vorher auszubilden hatte, 
zu Haus verrichtet, die fertigen Uhren wieder in die Fabrik abge- 
liefert, von dieser geprüft, klassifiziert und verkauft werden. Hipp 
meinte, dass die Fabrik mit einem Anlagekapital von 6000 fl. und 
i) Quellen für diesen Abschnitt sind Akten der K. Zentralstelle; daneben anch 
Vhcher, Die indostrielle Entwicklung im Königreich Württemberg. 1875, S. 415 ff. 



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— 28 — 

einem Betriebskapital von lOOOO fl. auskommen, und dass sie nach 
lo Jahren ihre Aufgabe, die Schwarzwälder Uhrmacherei in mo- 
derne Bahnen zu leiten, so weit erfüllt haben würde, dass sie 
aufgelöst oder vom Staat an Private verkauft werden könnte. 

Das Projekt fand aber bei der K. Zentralstelle keinen An- 
klang ; sie wandte ein, dass nach den bisherigen Erfahrungen 
derartige Staatsfabriken weder für den Fiskus noch auch, worauf 
es ankam, für das Gemeinwohl Erspriessliches zu leisten pflegten, 
und bezweifelte auch, dass das von Hipp vorgesehene Kapital 
ausreichen würde gegenüber der Konkurrenz der grossartigen 
französischen Etablissements. Lehnte so die Zentralstelle das 
Projekt einer staatlichen Musterfabrik strikte ab, so Hess sie doch 
durchblicken, dass private Unternehmer bei erforderlicher Eig- 
nung vielleicht ihre Unterstützung finden würden. Dass die Zen- 
tralstelle mit Hipp im Kern ganz einverstanden war, zeigte sich, 
als sie sich noch in demselben Jahre mit einem anderen Projekt 
zu beschäftigen hatte, das aus der Mitte der Schwarzwälder Uhr- 
macher selber an sie bezw. an das Ministerium gerichtet wurde. 

Unter d^ Führung des damaligen Ratsschreibers von Schwen- 
ningen, Joh. Bork ^), wurde dort 1849 ^'" Uhrengewerbeverein 
gegründet, dem sich 67 Meister, d. h. fast alle Schwenninger 
Uhrenmacher anschlössen. Der Verein erstrebte die Einrichtung 
einer Anstalt, die umfassen sollte : 

i) eine Sammlung von Muster - Uhren , Musterzeichnungen 
und Modellen von Uhren und Werkzeugen zur Ausbildung des 
Schönheitssinnes und zur Verbreitung besserer mathematischer 
und mechanischer Kenntnisse in der Industrie; 

2) eine Maschinenwerkstatt, ausgerüstet mit Maschinen, die 
zum zweckmässigen Betrieb der Fabrikation unentbehrlich, in den 
Uhrmacherwerkstätten aber noch nirgends zu finden waren; 

3) eine Räder- und Glockengiesserei, die Schwenningen end- 
lich von den badischen Giessem unabhängig machen sollte; die 
Abhängigkeit war gerade in der Revolutionszeit dadurch beson- 
ders fühlbar geworden, dass die badischen Giesser wegen des 
Fembleibens der Schwenninger von der badischen Revolution 
keinen Guss mehr liefern wollten ; 

4) eine Werkstatt zur Fabrikation von Tonfedem und Email- 
zifferblättem , die ebenfalls im württembergischen Schwarzwald 
noch nicht hergestellt wurden; 

1) JiUh. Bürk B. a. O. S- 48 tf. 



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— 29 — 

5) eine Gewerbehalle, worunter man wohl ein gemeinschaft- 
liches Bureau zum Einkauf des Rohmaterials und zum Verkauf 
der fertigen Uhren verstand. 

Auch diese Vorschläge erregten bei der Zentralstelle, ganz 
abgesehen davon, dass sich der Staat bei dem Stande seiner Fi- 
nanzen auf weil^reifende Pläne nicht einlassen konnte, in mehr- 
facher Beziehung Bedenken. Der Bescheid der Zentralstelle weist 
den Uhrengew erb eve rein auf die eigentlichen Ursachen des Dar- 
niederliegens der Schwarzwälder Industrie hin, die nach Ansicht 
der Behörde die vorgeschlagene Assoziation der Uhrmacher zwar 
nicht unerwünscht, aber doch nur von mehr untergeordneter Be- 
deutung erscheinen liessen. Er führte aus : 

>Die Ursache des Verfalls der Schwarzwälder Uhrenindu- 
strie erblicken wir darin, dass dieselbe von solchen Konkurrenten 
überflügelt worden ist, welche mit Hilfsmitteln arbeiten, deren 
jene entbehrt. Diese Hilfsmittel bestehen nach unserer Ansicht 
lediglich in den auf wohlfeilere Weise die Uhrenbestandteile lie- 
fernden Maschinen, so dass der Uhrmacher mehr nur die Zu- 
sammensetzung der billigen und genau gearbeiteten Teile besorgt 
und dadurch ihm die Lieferung einer Ware zu niedrigem Kosten- 
preis und mit angemessenem Arbeitsverdienst ermöglicht wird.« 

An diese Ausführungen knüpfte die Zentraisteile einen Vor- 
schlag, der auch schon in dem Hippschen Projekt enthalten ist, 
nur dass Hipp die Ausführung durch den Staat, die Zentraisteile 
die Ausführung durch einen privaten, vom Staat bloss zu unter- 
stützenden Unternehmer wollte. »Die Etablierung von Werk- 
stätten — heisst es nämlich im Bescheid an den Uhrengewerbe- 
verein weiter — welche sich lediglich mit der Darstellung von 
Uhrenbestandteilen auf mechanischem Wege befassen und solche 
— nötigenfalls mit Staatsunterstützung — zu denselben billigen 
Preisen wie in anderen Ländern an die Uhrmacher abgeben 
könnten, wäre deshalb vielleicht ein wirksameres Mittel, um dem 
Erliegen des Schwarzwälder Uhrenmachergewerbes zu begegnen.« 

Um die Etablierung einer solchen Bestandteilfabrik in die Wege 
zu leiten, sandte die Zentralstelle ihren technischen Referenten, 
den damaligen Regierungsrat Steinbeis, nach Schwenningen, der 
auch mit den dortigen Uhrmachern anscheinend zu einer Einigung 
über den einzuschlagenden Weg gelangte. Infolge eines grossen 
Brandes, der Schwenningen 1850 heimsuchte, geriet jedoch die 
Sache ins Stocken; und als sie im folgenden Jahre von der Zen- 



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— 30 — 

traJstelle wieder aufgenommen wurde, ergab sich, dass die Schwen- 
ninger von ihren alten Plänen doch nicht so viel aufgeben wollten, 
wie die Zentralstelle verlangte, und dass sie zudem selber unter- 
einander uneins waren. Sie wünschten, dass alle Meister von 
dem zu beginnenden Unternehmen gleichen Nutzen haben sollten, 
doch niemand vermochte einen Weg anzugeben, auf dem sich 
dieses Ziel sicher erreichen Hess. Steinbeis bemühte sich zwar 
nochmals nach Schwenningen ; aber der die ganze Aktion be- 
endigende Beschluss, den der Gemeinderat in seiner Anwesen- 
heit fasste, ging nur dahin, dass man es den einzelnen Uhrma- 
chern, die sich für besonders befähigt ansähen und über die 
nötigen Betriebsmittel verfügten, überliess, den Staat um Be- 
schaffung von Maschinen und die Gemeinde um Ueberweisung von 
Lokalitäten anzugehen. 

Ueber ein Jahr dauerte es, bis aus der Schwenninger Uhren- 
industrie heraus der in dem Beschluss des Gemeinderats liegen- 
den Aufforderung Folge geleistet wurde. Zwei Brüder aus der 
Uhrmacherfamilie der Haller, Jakob und Johannes Haller, ver- 
banden sich mit dem Kaufmann Friedrich Mauthe, der neben 
seinem Gemischtwarengeschäft einen Handel mit Uhrenbestand- 
teilen und fertigen Uhren, also das Geschäft eines Packers be- 
trieb, zur Gründung einer Uhrenfabrik, zu welchem Zwecke sie 
in einer wohlmotivierten Eingabe von der Zentralstelle ein ver- 
zinsliches Darlehen auf mehrere Jahre erbaten. Sie wiesen in 
ihrer Eingabe auf verschiedene Vorgänge auswärts hin, die die 
württembergische Industrie ganz in das Hintertreffen zu bringen 
drohten, auf die Errichtung der Uhrmacherschule in Furtwangen 
durch den badischen Staat, die Gründung moderner Uhrenfabriken 
in Lenzkirch in Baden und im schlesischen Freiburg, bei welch' 
letzterer der preussische Staat mit grossen Darlehen half, auf die 
nach gleicher Richtung gehenden Pläne unternehmender Kapita- 
listen in Schaffhausen und Iserlohn. Die Zentralstelle erkannte 
die Zweckmässigkeit des vorgelegten Plans an, glaubte aber auf 
ihn nicht eingehen zu können, einmal weil sie nicht genügend 
Mittel hatte, sodann weil sie sich scheute, mit einer Fabrik den 
anderen Uhrmachern eine übermächtige Konkurrenz zu schaffen. 
Sie verharrte auf dem früher eingenommenen Standpunkt : Schaf- 
fung einer Bestandteilfabrik, und machte den Gesuchsteilem fol- 
gendes Angebot: Der Staat solle für 5000 fl. Maschinen an- 
schaffen, ihnen diese auf 5 Jahre zum unentgeltlichen Gebrauch 



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— 31 — 

überlassen und femer eine jährliche Unterstützung als Ersatz für 
unzureichende Verzinsung des Betriebskapitals bis zu 500 fl. 
geben, nach g Jahren sollten die Unternehmer das Recht haben, 
die Maschinen zur Hälfte des Ankaufspreises zu übernehmen, 
dafür sollten sie sich verpflichten, die von ihnen fabrizierten Uhren- 
bestandteile an württembergische Uhrmacher zu angemessenen 
Preisen abzugeben; die Fabrikation fertiger Uhren sollte jeder 
nur auf eigene Rechnung betreiben und dafür die Bestandteile 
von der Gesellschaft nur zu gleichem Preise beziehen dürfen wie 
die anderen Uhrmacher. Die Gesuchsteller zeigten sich zuerst 
diesen Vorschlägen geneigt, aber im letzten Augenblick zogen 
sich die beiden Haller von dem Projekt zurück, da ihnen die 
Mittel zu seiner Verwirklichung fehlten und sie meinten, dass der 
von der Zentralstelle ihnen angesonnene Vertrag mehr den Nutzen 
der übrigen Uhrmacher als ihren eigenen Nutzen wahrnehme. 

Nachdem auch dieser Plan gescheitert war, trat eine mehr- 
jährige Pause in der Tätigkeit der Zentralstelle ein, soweit sie 
den Hauptsitz der Industrie, Schwenningen, betrifft. Die Zen- 
tralstelle war zu sehr überzeugt, dass nur der Uebergang zur 
maschinellen Fabrikation nach dem Muster der ausländischen der 
Industrie helfen könnte, als dass sie sich ernstlicher auf anderes 
eingelassen hätte. An Leuten, die der Industrie auf diesem oder 
jenem Wege helfen wollten, fehlte es natürlich nicht. So hatte 
schon etwas früher ein Uhrmacher aus Gerabronn die Zentral- 
stelle vergeblich für seine Erfindung zur Vereinfachung der Uhren- 
fabrikation zu interessieren versucht. Gleichen Misserfolg hatten 
zwei Gesuche aus Schwenningen um Unterstützung zu Reisen 
ins Ausland, nach Russland, in den Orient, nach China und an- 
deren Ländern behufs Auffindung neuen Absatzes für die Uhren 
des württembergischen Schwarzwaldes ; es helfe nichts, meinte die 
Zentralstelle, neuen Absatz zu gewinnen; denn wenn man die 
Konkurrenz Badens und des Auslandes in den bisherigen Absatz- 
gebieten nicht auszuhalten vermöge, so würde man das auch in 
den neuen nicht können. Das einzige, was die Zentralstelle in 
dieser Zeit für Schwenningen tat, war, dass sie den dortigen 
Schildmaler Jobs, Jauch auf die Stuttgarter Kunstschule schickte 
und ihn so weit ausbilden Hess, dass er später in Schwenningen 
an der gewerblichen Fortbildui^sschule Unterricht im Schilder- 
malen erteilen konnte. 

In Schwennii^en selber empfand man das Bedürfnis nach 



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— 32 — 

einer gründlichen Un^estaltung der Industrie in diesen Jahren 
etwas weniger, da nach der Krisis der Revolutionszeit in der 
Mitte der 50er Jahre das Geschäft wieder etwas aufgeblüht war. 
Immerhin wurde die Erkenntnis, dass man die ausländische Kon- 
kurrenz nur mit ihren eigenen Waffen, nämlich durch eine ratio- 
nelle Fabrikations-Methode schlagen könnte, allgemeiner. Arbeits- 
teilung und möglichste Ersetzui^ der Handarbeit durch billigere 
Maschinenarbeit sind auch die Heilmittel, die in den Jahresbe- 
richten der Handels- und Gewerbekammer Reutlingen, zu deren 
Bezirk damals Schwenningen gehörte, immer und immer wieder 
von dem Schwenninger Berichterstatter dringend empfohlen wer- 
den. So heisst es in dem Bericht von 1856; 

>Die Hilfsmittel würden hauptsächlich darin bestehen, wenn 
neben der bereits von Schwenninger Gewerbetreibenden projek- 
tierten Giesserei eine mit tüchtigen Maschinen versehene Werk- 
stätte ins Leben treten würde, vermittelst deren die einzelnen 
Uhrenbestandteile schnell, genau und in beliebiger Menge den 
einzelnen Arbeitern geliefert werden könnten; denn hiedurch 
wäre zugleich der Weg zur Arbeitsteilung gebahnt.« 

Femer 1858: »Die Ursache der Klagen liegen in den unzu- 
reichenden und unzweckmässigen Fabrikati onseinrichtungen, welche 
zu viel Handarbeit erfordern«. 

1859: »So lange der ärmere Produzent, der nur allein oder 
mit wenigen Gehilfen arbeitet, sich nicht dazu versteht oder von 
grösseren Unternehmern nicht in die Lage versetzt wird, sich 
ausschliesslich mit einem einzelnen Bestandteil zu beschäftigen, 
anstatt ganze Werke vom Rohstoff aus zu machen, wird es nicht 
besser werden« ^). 

1) Im württ. Gewerbeblatt 1857 S. 154 setzt yoAi. Bart rechnungsmässig aus- 
einander, wieviel an Anlagekapital durch die Konzentriemng eines Teils der Arbeit 
in einem Untemehmeo gespart werden konnte, »Nur ein Beispiel — schreibt er ■ — 
von vielen möge zum Beweise, was nur an Einrichtungsgegenständen erspart werden 
kannte, hier Platz finden. So lange nämlich, wie jetzt, jeder Uhrmacher ganze Uhren 
aus ihren Rohstoffen macht, brauchen die 57 selbständigen Uhrenmacher zu Schwen- 
ningen ungefähr 100 Drehbänke (ä 44 f), 57 Zahnmaschinen (ä 60 fl.), 57 Trieb- 
bohrer {i. 25 fl.). weil jeder Uhrenmacher alle Arbeiten besorgt, also auch alle 
Werkzeuge u, 9. w. haben muss. Die Anschaifungskosten dieser 3 Werkzeuge be- 
tragen 9 245 fl. Es würden aber für diese sämtliche Uhrmacher, selbst bei noch stär- 
kerem Betriebe, 3 Zahnmaschinen {k 150 fl.), 35 Drehbänke (ii 44 fl.), 3 Trieb- 
bohrer (ä 25 tl.) von tBuglichei Konstruktion genügen, da hei gehörig durchgeführter 
Arbettsteilui^ nicht jeder Uhrmacher zahnen, drehen, triebmachen mUsste; macht 
Anschlffui^skogten 1625 fl. Demnach würden gegen die jetzige Betriebsweise nur 



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— 33 — 

Wiederholt wird die Befürchtung ausgesprochen, dass die 
badische Industrie infolge der ihr durch den Staat gewordenen Förde- 
rung die zurückbleibende württembergische Industrie ganz vom 
Markt verdrängen werde ^). 

Mitte des Jahres 1857 besuchte Steinbeis, nunmehr Vorstand 
der Zentralstelle , gelegentlich einer Lokalausstellung Schwen- 
nii^en und kam dadurch wieder mit dem früheren Ratsschreiber 
Johs. Bürk in Berührung. Bürk hatte ursprünglich die Uhr- 
macherei erlernen wollen, aber, da er nicht zu einer Uhrmacher- 
Familie gehörte, keine Lehrstelle finden können. Er hatte dann 
die Laufbahn eines Schreibers eingeschlagen und es bis zum Rats- 
schreiber in Schwenningen gebracht, als welchen wir ihn schon 
kennen gelernt haben. Aus Liebhaberei sich mit der Uhrmacher- 
kunst beschäftigend, hatte er eine tragbare Kontrolluhr erfunden 
und, sein Amt als Ratsschreiber aufgebend, zu deren Fabrikation 
ein Geschäft begonnen. Er hatte in seiner Werlcstatt Arbeitsteilung 
durchgeführt und sein Geschäft schnell zu einiger Bedeutung em- 
porgehoben. Steinbeis hielt nun den Zeitpunkt für gekommen, 
den Plan der Errichtung einer Bestandteilfabrik von neuem auf- 

an diesen drei Einrichlungsgegenständen 7620 fl. Anlagekapital erspart. So ver- 
halt es sich mit der ganzen übrigen Einrichtung, von dem Ersätze vieler kleinen 
Werkzeuge durch Maschinen und dadurch beförderter Arbeit gar nicht zu reden." 
l) ysAi. Bürk stellt im GewerbeblatC 1857 S. 153 die badischen Verhältnisse 
als im Vergleich zu den württembergischen bedeutend gänstiger dai. Im badischen 
Schwarzwald wäre die Stockung geringer gewesen. >Nach den Ursachen dieses Un- 
terschiedes ist nicht lange zu suchen. Der badische Schwarzwald fabriziert alle 
Gattungen von Uhren und hat in dieser Fabrikation in den letzten Jahren bedeu- 
tende Fortschritte gemacht. Ein geordneterer Handel, der sich auch entrcrnterer 
Absatzgebiete bemächtigt hat, eine grössere Arbeitsteilung. VeTvollkommnung der 
Erzeugnisse selbst, gaben dem badischen Teile des Schwarzwaldes bedeutende Vor- 
züge, die ihm namentlich in Zeiten der Stockung zugute kommen. Er vermag mit 
meinen vervollkommneten Maschinen und der immer mehr aufkommenden Arbeits- 
teilung wohlfeiler zu fabrizieren, gedrückte Preise also noch auszuhalten, wenn bei 
weniger vollkommener Einrichtung nur mit Verlust gearbeitet werden kann. Er 
weiss, wenn nach einer Gegend der Absatz stockt, sich schnell auf Sorten zu wer- 
fen, welche nach anderen Gegenden gehen, während diesseits, mit wenigen aner- 
kennenswerten Ausnahmen , nur wenige Gattungen erzeugt werden , und zwar nur 
solche, deren Absatz auf gewisse Wege beschränkt ist. Der badische Uhrenmacher 
ist ausschliesslich Uhrenmacher. Der Feldbau entzieht ihn dem Gewerbe nicht. Selbst 
die Töchter und Frauen lernen verschiedene Arbeiten, die sie befähigen, die Stelle 
von teurem männlichen Gehilfen zu versehen , was diesseits etwas Unerhörtes ist. 
Im badischen Walde sind Kapitalisten Unternehmer geworden, diesseits fehlt dieser 
Industrie hauptsSchlich das Kapital. 1 

3 



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— 34 — 

zunehmen, da er glaubte, dass die Uhrmacher in einer Zeit leb- 
hafter Nachfrage nach Uhren sich eher dazu entschliessen wür- 
den, Bestandteile aus der künftigen Fabrik zu beziehen, um die 
sich , drängenden Aufträge alle ausführen zu können. In Bürk, 
der seine Gewerbegenossen durch seinen Geist, sein Vorwärts- 
streben und seinen Sinn für gemeinnütziges Wirken überragte, 
sah er den Mann zur Ausführung seiner Pläne. Doch vergingen 
einige weitere Jahre, ehe entscheidende Schritte getan wurden. 
1860 veranlasste die Zentralstelle Bürk zum Besuch einer Uhren- 
ausstellung in Besan^on, dem Mittelpunkt der französischen Uhr- 
macherei. Bürk erstattete über diese Ausstellung einen sehr 
gründlichen Bericht und stellte dann bei der Zentralstelle den 
Antrag, ihm zur Umgestaltung seines Betriebs zu einer Muster- 
und Lehrwerkstätte behilflich zu sein. Die Zentralstelle ging be- 
reitwilligst auf seine Bitte ein und erwirkte die Hergabe von 
2600 fl. aus Staatsmitteln zur Anschaffung von Maschinen, die 
Bürk auf 10 Jahie zum unentgeltlichen Gebrauch überlassen 
wurden. Dem Unternehmen lag zu einem Teil der gleiche Ge- 
danke wie den früheren Projekten der Zentralstelle zugrunde. 
Bürk sollte mit den ihm geliehenen Maschinen in seiner Werk- 
stätte nach moderner Methode Bestandteile herstellen und diese 
zu angemessenem Preise an Uhrmacher abgeben. Dazu kam aber 
noch etwas neues. Die Bürk'sche Werkstätte sollte auch eine 
Lehrwerkstätte sein, es sollten in ihr junge Arbeiter durch tüch- 
tige I-ehrmeister auf Teilarbeit eingelernt werden, ferner andere 
Uhrmacher das Recht haben, sich die Kinrichtungen der Werk- 
statt anzusehen und von Bürk etwa nötige Aufklärung zu fordern. 

So trat nun endlich das, was die Zentralstelle zehn Jahre 
lang angestrebt hatte, Anfang 1861 ins Leben. 

Bürk begann seine Tätigkeit mit Maschinen, die er teils von 
einem mit der französischen Uhrenindustrie vertrauten Schweizer 
Mechaniker bezogen, teils nach französischem Muster selber kon- 
struiert oder in St. Georgen in der bekannten Weisserschen Ma- 
schinenfabrik hatte bauen lassen. Seine Werkstätte vollständig 
nach französischem Muster einzurichten, war ihm nicht leicht ge- 
fallen. Denn weder waren auf der Ausstellung in Besangon die 
in den französischen Uhrenfabriken üblichen Maschinen einiger- 
massen vollständig vertreten gewesen, — z. B. hatten die Durch- 
schnitt-Pressen oder Stanzmaschinen für das Ausstanzen der Teile 
welches ja einen wesentlichen Unterschied zwischen der franzö- 



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- 35 — 

sischen und amerikanischen Fabrikationsweise einer- und der 
Schwarzwälder Fabrikationsweise andererseits ausmachte, ganz 
gefehlt, — noch auch konnten diese Maschinen alle von Maschinen- 
fabriken oder Mechanikern bezogen werden, da die Uhrenfabriken 
die wichtigsten in eigenen Werkstätten bauten. Jedoch gelang 
es Bürk, die neue Fabrikation in Gang zu brii^en. In dem 
Katalog der Rottweiler Ausstellung von 1861 heisst es dann auch 
von seiner Fabrik: » Uhren b es tandteile und Rohwerke werden für 

inländische Uhrmacher erzeugt Das Etablissement ist 

jetzt nach dem Muster französischer Fabriken eingerichtet und 
von der Betriebsweise der Schwarzwälder Uhrmacherwerkstätten 
abgegangen. Vollständige Arbeitsteilung ist durchgeführt.« 

Aber die neue Fabrikations weise fand bei den Schwenninger 
Uhrmachern wenig Anklang. »Ich müsste sterben, wenn ich im- 
mer ein und dasselbe machen sollte«, gab schliesslich ein Mei- 
ster Bürk zur Antwort, als er nach eindringlichen Erklärungen 
über die Vorteile der Arbeitsteilung und der Verwendung von 
Maschinen nichts anderes mehr vorzubringen wusste. Die Meister 
fürchteten, bei Annahme der Neuerung ihre Selbständigkeit auf- 
geben zu müssen, und dagegen sträubte sich heftig der Selb- 
ständigkeitstrieb, der bei den Schwarzwäldern besonders stark ist. 
Vergeblich hielt man ihnen vor, dass die Uhrmacher ja auch 
nicht mehr die Gestelle, die Ketten, die rohen Räder und andere 
Teile der Uhr selber fabrizierten, dass in dieser Beziehung schon 
längst Arbeitsteilung bestünde und dass es sich nur darum han- 
dele, auf dem eingeschlagenen Wege weiterzugehen. 

Nur zwei Jahre funktionierte der Bürksche Betrieb als Lehr- 
werkstätte und Bestandteilfabrik. Dann zog sich Bürk in der 
Hauptsache auf die Fabrikation von Kontrolluhren zurück. Glückte 
es ihm auch nicht, die anderen Meister mit sich fortzureissen und 
die Gesamtindustrie auf einen neuen Boden zu stellen, so gelang 
es ihm doch, indem er die Kontrolluhr- Fabrikation dem Tätig- 
keitsgebiet der Industrie neu hinzufügte, dieses wesentlich zu erwei- 
tem und dadurch seinem Namen einen Ehrenplatz unter dem Namen 
der Väter der neuen Industrie zu sichern. Die Gründe für die 
Aenderung in seinem Verhalten waren, dass er von der Zentral- 
stelle die erhoffte jährliche Entschädigung für Ausbildung von 
Lehrlingen nicht erhielt und er weiter für seine gestanzten 
Bestandteile keinen Absatz fand, weil, wie er meinte, die Ver- 
wendung dieser von ihm gleichförmig hergestellten Teile den 



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— 36 — 

Uhrmachern nur dann einen Vorteil bot, wenn sie auch ebenso 
gleichförmige Gestelle zur Verfügung hatten. 

Bei der handwerksmässigen Uhrmacherei setzte in der Regel 
derselbe Arbeiter, der die einzelnen Teile anfertigte, diese auch 
zum fertigen Uhrwerk zusammen ; er hatte das Gestell während 
der Arbeit vor sich stehen und nahm die Masse für die einzelnen 
Teile von ihm ab '). Wenn er aber so die ihm von einer Be- 
standteilfabrik gelieferten Bestandteile erst wieder den ungleich- 
massigen Gestellen anpassen musste, so ging ein Teil der durch 
die fabrikmässige Herstellung erzielten Arbeitserspamis wieder 
verloren. Es kam also darauf an, dass auch die Gestelle gleich- 
massig hergestellt und nach Schablonen mit Zapflöchern versehen 
wurden. Die K. Zentralstelle liess sich die Mühe nicht verdries- 
sen, auch in diesem Punkte helfend einzugreifen. 

Sie glaubte in dem Gestellmacher Jakob GlÖckler von Thu- 
ningen den geeigneten Mann zu finden. Dieser, offenbar ein tech- 
nisch begabter Kopf, konstruierte neben anderen Maschinen eine 
Durchschnitt-Presse, mit der die Gestell-Platten aus Holz heraus- 
gestanzt werden konnten, wie die Platinen der französischen und 
amerikanischen Uhren aus Messingblech, Mit dieser Maschine 
konnte ein Mann nicht nur 6mal so viel Arbeit leisten wie mit 
den bisherigen Werkzeugen, sondern er konnte mit ihr auch die 
Arbeit viel exakter ausführen. Die Zentralstelle liess zu Glöck- 
lers Gebrauch für iioo fl., später noch einmal für 700 fl. geeig- 
nete Maschinen bei der schon erwähnten Weisserschen Maschinen- 
fabrik in St. Georgen bauen. Sie versuchte auch, ihn zur Ueber- 
siedeiung nach Schwenningen und zur Vereinigung mit Bürk zu 
veranlassen. Aber dies misslang, hauptsächlich, weil GlÖckler 
sein Anwesen in Thuningen nicht angemessen verwerten konnte 
und sich scheute, seinen sicheren Gegenwarts-Besitz gegen un- 
sicheren Zukunfts-Gewinn aufzugeben. Er betrieb die Gestell- 
fabrikation weiter in Thuningen, aber, da ihm die Mittel zu einer 
kräftigen Ausdehnung des Geschäfts fehlten, nur im bescheidenen 
Massstabe. Ehe er so weit war, dass er die nach der neuen 
Methode hergestellten gleichförmigen Gestelle liefern konnte, hatte 
Bürk das Interesse an der Sache verloren, da der Aufschwung 
seiner Kontrolluhrenfabrikation seine Kräfte hinreichend in An- 
spruch nahm. So wurde aus dem Zusammenwirken beider Werk- 

l) Joh. Bürk im Gewerbeblatt 1862, S, 493. 



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— 37 — 

Stätten nichts. Glöckler fand zwar später etwas vermöglichere 
Teilhaber, die ihm die Ausdehnung des Geschäfts ermöglichten ; 
auch gab die Zentralstelle der neuen Firma nochmals Geld zur 
Anschaffung von Maschinen. Aber die Gestelle fanden mehr im 
badischen als im württembergischen Schwarzwald Absatz und 
Glöckler selber wurde bald aus der Firma herausgedrängt. Be- 
deutete sein Unternehmen auch einen unleugbaren Fortschritt für 
die heimische Uhrenindustrie, so erfüllte es unter den geschilder- 
ten Umständen doch bei weitem nicht alle die Erwartungen, die 
es ursprünglich erweckt hatte. 

Die wenig ermutigenden Erfahrungen in Schwenningen ver- 
anlassten die Zentralstelle, ihr Interesse mehr Stadt und Bezirk 
Spaichingen zuzuwenden, wo sich, wie wir früher gesehen haben, 
die Uhrenfabrikation in den 30er und 40er Jahren mehr und mehr 
eingebürgert hatte. Schon in den soer Jahren hatte die Zentral- 
stelle einiges zur Förderung dieses Teils der württembergischen 
Uhrenindustrie getan, indem sie zwei Unternehmern eine Zeit lang 
Prämien von 50 bezw. lOO ü. jährlich gab unter der Bedingung, 
dass sie eine bestimmte Anzahl von Arbeitern regelmässig, der 
eine als Hausindustrieile, der andere in seiner Werkstätte, be- 
schäftigten, 1867 fing nun der Gewerbeverein in Spaichingen an, 
sich der infolge Absatzmangels darniederliegenden Industrie an- 
zunehmen. Er betrieb zuerst eine Assoziation jüngerer Uhrmacher, 
die unter der Leitung eines Kaufmanns und eines Technikers die 
Fabrikation nach ausländischem Muster aufnehmen sollte. Bis in 
das Jahr 1869 zog es sich, ehe die Vereinigung greifbarere Ge- 
stalt annahm ; ihr Programm war : Anfertigung von Schottenuhren, 
später aber Uebergang zur Herstellung feinerer Pariser Uhren, 
Arbeitsteilung und Verwendung von Maschinen , aber Beibehal- 
tung der Hausindustrie, Auf Anregung und mit Unterstützung 
der Zentralstelle besuchten noch im Sommer des gleichen Jahres 
die beiden Männer, die die Genossenschaft an ihre Spitze gestellt 
hatte, der Kaufmann Hagen und der Uhrmacher Schmid von 
Spaichingen, um über die einzuführende Fabrikations weise Klar- 
heit zu gewinnen und sich die nötigen Maschinen zu verschaffen, 
die Hauptsitze der französischen Uhrenindustrie, vor allem Beau- 
court, wo sie trotz eines Empfehlungsschreibens des Präsidenten 
der Zentralstelle misstrauische Aufnahme fanden. Man kam zu 
der Einsicht, dass ohne Errichtung einer Fabrik doch nichts würde 
erreicht werden können, und da der Genossenschaft dazu die 



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- 38 - 

Mittel fehlten, entschloss sich, wiederum unter der Einwirkung der 
Zentralstelle und nach Zusicherung einer Staatsunterstützung, Ha- 
gen zur Gründung einer solchen Fabrik. Er baute für den Zweck 
ein Gebäude in Spaichingen und bestellte die Maschinen. Aber 
ein eigentümlicher Unstern waltete über dem Unternehmen. Der 
Krieg kam dazwischen, die Maschinen erwiesen sich als unbrauch- 
bar und mussten zurückgegeben werden ; der Uhrmacher Schmid, 
der die technische Leitung übernehmen sollte, starb. Neue Ma- 
schinen direkt aus Frankreich zu beziehen, daran war bei dem 
Deutschenhass der Franzosen nach dem Kriege nicht zu denken. 
So blieb der Plan unausgeführt. 

Der Präsident der Zentralstelle machte noch verschiedene 
Versuche, die Sache in Gang zu bringen ; der letzte Versuch führte 
zu einer Aktion anderer Art. Auf einer in diese Zeit fallenden 
Ausstellung in Ulm war er auf einen dortigen Uhrmacher, Na- 
mens Friedrich Walcher, aufmerksam geworden, der seit einigen 
Jahren Regulateure nach Wiener Art fabrizierte. Er arbeitete 
zwar nicht in grossem Massstabe, aber hatte doch in seiner Werk- 
statt Arbeitsteilung durchgeführt, benutzte Maschinen, die er zum 
Teil selber konstruiert hatte, und wandte, wie die französischen 
und amerikanischen Fabriken, das Stanzverfahren an. Die Zen- 
tralstelle hoffte, in ihm endlich auf den Mann gestossen zu sein, der 
die Schwarzwälder Industrie in neue Bahnen lenken könnte ; sie 
brachte ihn mit Hagen in Spaichingen in Verbindung und ver- 
anlasste ihn zu einer Studienreise durch den württembergischen 
und badischen Schwarzwald. Hagen und Walcher konnten sich 
aber nicht verständigen ; auch sonst stiess Walcher meist auf eine 
sehr kühle Aufnahme, so dass sich sein anfänglicher Enthusias- 
mus bald abkühlte. Walchers Betrieb zu einer Fabrik speziell zur 
Lieferung von gestanzten Uhrenteilen an die Schwarzwälder In- 
dustrie auszugestalten, gab die Zentralstelle zwar nicht formell, 
doch tatsächlich auf, da sie die Ueberzeugung gewonnen hatte, 
dass bei der Fabrikation der eigentlichen Schwarzwälder Uhren, 
so lange sie im übrigen im alten Geleise blieb, die Verdrängung 
der Gussteile durch gestanzte Teile nicht möglich war. Dafür 
sollte das Walchersche Unternehmen als Lehrwerkstätte wirken 
und bei der Annahme von Lehrlingen vorzugsweise der Schwarz- 
wald berücksichtigt werden. Man hoffte, dass diese dann die 
Fabrikation von Kegulateuren in ihre Heimat verpflanzen würden 
unter Benutzung der Uimer Fabrik als Bezug.squeile für gestanzte 



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— 39 ~ 

Uhrenteile. Die Lehrwerkstätte hat auch eine Reihe von Schwarz- 
wäidem (36) ausgebildet, darunter auch einige jetzige Fabrikanten. 
Seide gesponnen aber hat Walcher dabei nicht. Er hatte kein 
Giück, beherrschte, da er kein gelernter Uhrmacher, sondern ur- 
sprünglich Weber war, die Fabrikation wohl auch nicht in dem Grade, 
wie die Zentralstelle angenommen hatte, und kam aus dem Pro- 
ben nicht mehr heraus. Nach seinem 1882 erfolgten Tode 
musste die Fabrik und damit die Lehrwerkstätte aufgegeben 
werden. 



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Vierter Abschnitt. 

Die Ursachen der Misserfolge. 

Wir haben uns im Vorhergehenden darauf beschränkt, libei- 
die Tätigkeit des Staates zur Hebung der Uhrenindustrie objektiv 
zu berichten. Wenn wir jetzt untersuchen, aus welclien Gründen 
die Hilfsaktionen des Staats in der Hauptsache fehlschlugen, so 
liegt es uns selbstverständlich fern, die Männer herabzusetzen, die 
sich um die Hebung der Industrie so eifrig bemühten, ohne sich 
durch Misserfolge abschrecken zu lassen. Dass Irrtümer vorka- 
men, war ja natürlich, vielleicht ganz unvermeidlich. Immerhin 
wird es auch jetzt noch von einigem wenn auch nicht praktischem, 
so doch wissenschaftlichem Interesse sein, näher zu prüfen, wo 
vielleicht die Fehler stecken könnten, die einen Erfolg vereitelten. 

Die Zentralstelle erkannte ganz richtig, dass der Grund des 
Uebels in der Fabrikations weise lag. Die vom Ausland 
auf den Markt gebrachten Uhren waren im Verhältnis billiger als 
die Schwarzwälderuhr ; diese konnte sich nur behaupten, wenn 
sie ebenfalls billiger wurde, was aber bei der bisherigen Fabri- 
kationsweise nicht möglich war. Deshalb musste die Fabrikations- 
weise nach dem Muster des Auslands geändert, d. h. es mussten 
Arbeitsteilung und die Verwendung von Maschinen eingeführt 
werden. 

In Baden legte man ausser auf die Einführung der Ar- 
beitsteilung grosses Gewicht auch auf die äussere und innere 
Verfeinerung der Uhren. Die Schwarzwälder Uhren sollten ein 
gefälliges Aeussere erhalten. Ein Teil der Uhrmacher sollte sich 
von ihrer Herstellung ab- und der Herstellung der sogenann- 
ten Stockuhren zuwenden. Man versuchte sogar, die von 
der Holzuhrmacherei grundverschiedene Tas c he nuhrm acherei ein- 
zuführen. So verdienstvoll diese Bestrebungen waren, so hat 



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— 41 — 

doch die spätere Entwicklung gelehrt, dass die gründliche Aen- 
derung der Fabrikations weise das bei weitem wichtigste Erforder- 
nis war. 

Das Ziel wurde also in Württemberg ganz richtig gesteckt ; 
es kann sich nur darum handeln, ob auch stets die richtigen 
Wege eingeschlagen wurden. 

Wir haben gesehen, dass an die Zentralstelle zuerst die An- 
regung herantrat, eine staatliche Musterfabrik zu errichten. Wenn 
die Zentralstelle das ablehnte, so tat sie das unseres Erachtens 
mit Recht. Staatsbetriebe sind in der Regel viel zu schwerfällig 
und geraten zu leicht in eine Sonderstellung und damit aus dem 
Zusammenhang mit der übrigen Industrie, als dass sie einen be- 
stimmenden Einfluss auf diese ausüben oder sie in neue Bahnen 
lenken könnten. 

Ebenso wohlbegründet scheint es uns gewesen zu sein, dass 
die Zentralstelle auf das ursprüngliche Projekt des Schwenninger 
Uhrenge werbe Vereins nicht einging. Zwar könnte man meinen, 
dass dieses Projekt, soweit es die Einrichtung einer mit Maschi- 
nen ausgerüsteten Werkstätte vorsah, dem Programm der Zentral- 
stelle entsprach. Aber es blieb bei dem Projekt doch sehr im 
Dunkeln, wie denn eigentlich diese Werkstätte der Gesamtindu- 
strie dienen sollte. Eine allen Uhrmachern gemeinsame Werk- 
stätte war ein allzu schwer zu verwirklichendes Traumbild, auch 
wenn dem ganzen Projekt nicht, wie die Zentralstelle argwöhnte, 
die sozialistische Idee der französischen National werkstatten zu- 
grunde lag. 

Die Regierung stellte sich auf festeren Boden. Sie ging, wie 
aus unserem Bericht im vorhergehenden Abschnitt hervorgeht, 
mit grosser Konsequenz darauf aus, eine Bestandteilfabrik zu 
schatten ^). Woran lag es, dass auch dies missglückte.* 

Die Hauptursache war sehr einfach. Sie bestand in dem 
Mangel an Geld. Die Finanzen des württembergischen Staates 
waren nicht glänzend *} ; auch war dieser Staat bei der Enge sei- 

1) Die Errichtung einer Rohuhrwerk-Fabrik wurde auch im badischen Schwarz - 
wald für notwendig gehalten , allerdings nur für die Stock- und Taschenuhren- 
macherei. Uhrengewerbsblati 1847, S. 66. 

2) Vischir a. a. O. S. 44 fF. Die Zentralstelle erachtete bei ihrer ücündung 
100 000 fl. jährlich ZOT GeweibeunterstUUung für rotwendig, erhielt aber nur 50 000 fl. 
bewilligt, welche Summe für die Etalsperiode 1855/58 sogar noch weiter auf J5000 11, 
herabgesetzt wurde. 



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— 42 — 

ner Verhältnisse vielleicht noch weniger als andere gewohnt, für 
die Hebung der Landesindustrie auf einmal grosse Aufwendungen 
zu machen. Die Zentralstelle war infolgedessen bei ihrer Tätig- 
keit mehr darauf angewiesen, Anregungen auszustreuen und Be- 
lehrungen zu erteilen, als dass sie selber durch Hergabe von Ka- 
pital industrielle Unternehmungen ins Leben rufen konnte. Es 
mag die Schwenninger Uhrmacher mit Neid erfüllt haben, wenn 
sie hörten, dass die preussische Regierung, um die Uhrenfabrika- 
tion in Freiburg i. Schi, einzubürgern, an einen einzigen Unter- 
nehmer ein zinsloses Darlehen von iocnDO Tlr. gegeben hatte. 
Verfügte die Zentralstelle nur über geringe Mittel, so fehlten sie 
bei den Uhrmachern selber erst recht'). Das, was sie etwa er- 
spart hatten, waren sie gewöhnt, in Feldern anzulegen ; wer aber 
sein eigenes Anwesen hatte, dessen Interessen gehörten eben doch 
nicht mehr ganz der Uhrmacherei. Es ist charakteristisch, dass 
Jacob Glöckier nicht dazu zu bringen war, seine Werkstatt von 
Thuningen nach dem Hauptsitz der Industrie, Schwenningen, zu 
verlegen, da er Haus, Hof und Acker nicht aufgeben wollte^). 

Die Hauptursache der Fehlschläge war also der Mangel an 
Geldmitteln. Dann aber auch wollte die Zentralstelle mit der 
Errichtung einer Bestandteilfabrik einerseits zu wenig, andererseits, 
was die Technik der Fabrikation anbetraf, zu viel. 

Aus der Beschreibung des Ganges der Fabrikation, die wir 
früher gegeben haben, geht hervor, dass die Arbeitsteilung in der 
Schwarzwälder Uhrenindustrie damals schon einen ziemlich hohen 
Grad erreicht hatte. Nicht mit Unrecht hat Poppe schon in den 
30er Jahren den Schwarzwald eine einzige Uhrenfabrik genannt. 
Mit dem bestehenden Grade der Arbeitsteilung hatte aber, wie 
sich nun zeigte, die Hausindustrie die .Grenze des für sie Mög- 
lichen ziemlich erreicht, die Grenze des Nützlichen vielleicht schon 
überschritten. Die Arbeitsteilung, durchgeführt nicht in einem 
einheitlichen Grossbetrieb, sondern in einer Vielheit selbständiger 
kleiner Betriebe, vermag wohl die Produktionsfähigkeit nach der 
quantitativen Seite ausserordentlich zu steigern und die Fabrika- 
tion zu verbilligen, aber sie macht zugleich die Industrie schwer- 
fällig; sie raubt ihr die Fähigkeit, sich den wechselnden Anfor- 

1) Joks. Bürk im Gewerbeblatt 1857, S. 154. 

2) Nach Johs. Bürk {Gewerbeblatt 1857, S, 154) wBren die badischen l.lhrmacher 
nicht durch den Feldbau ihrem Handwerk entzogen worden. Das stimmt aber nicht 
mit der jI/^i7i(b sehen Schilderung a. a. O. S, 41 ff. 



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— 43 — 

derungen des Marktes anzupassen oder technische Fortschritte an- 
zunehmen, wenn diese eine weiter greifende Aenderung der Fabri- 
kation erforderlich machen, bei der mehrere Teile der Industrie 
mitwirken müssen. Sehr treffend sagte Meitzen schon 1848 in 
seiner Schrift über die Uhrenindustrie *) ; 

»Die (nach seiner Meinung schon) bis ins Aeusserste getrie- 
bene Teilung der Arbeit spart offenbar viel Zeit und Material und 
hat eine merkwürdige Harmonie erreicht; indes kann man an- 
dererseits nicht leugnen, dass sie ohne einigendes leitendes Haupt 
hingestellt jede Veränderung und Verbesserung fast unmöglich 
macht. Es erforderte schon eine weitläufige Uebereinkunft vieler 
Arbeiter, wenn man in Form und Grösse auch nur sehr unbe- 
deutend abweichen wollte, viel weniger ist ein wesentlicher Fort- 
schritt in der Konstruktion denkbar«. 

Es galt nun, die Arbeitsteilung noch weiter zu treiben. Da- 
bei genügte es nicht, etwa nur auf dem alten Wege weiter fort- 
zuschreiten, dahin zu wirken, dass zu den alten Teilgewerben 
neue hinzukamen, zu den Gestellmachem, Rädergiessem, Räder- 
drehe m, Kettenmachern, Schild malern noch Anker-, Wecker-, 
Zeigerwerks-, Triebmacher u. s. w. 

Um eine Arbeitsteilung solcher Art handelte es sich bei der 
von der Zentralstelle erstrebten Errichtung einer Bestandteilfabrik 
auch gar nicht. Bei dieser kam es vielmehr darauf an, ein ge- 
wisses Stadium des Arbeitsprozesses den Uhrmachern abzuneh- 
men, ihn zum Gegenstand eines besonderen Betriebes zu machen 
und bei ihm die Verwendung von Maschinen einzuführen. 

Als man nun aber mit der Bürkschen Fabrik praktisch ans 
Werk ging, zeigte sich die Richtigkeit des Meüsenschen Urteils. 
Es wurde offenbar, dass die Bestandteil-Fabrikation in ihren Fort- 
schritten gebunden war an die Fortschritte eines anderen Teil- 
gewerbes, der Gestellmacherei. Gelang es nach vieler Mühe dann, 
auch in der Gestellmacherei die nötigen technischen Fortschritte 
zu Wege zu bringen, so waren doch Gestell- und Bestandteil- 
macher immer noch von der Einsicht und dem guten Willen der 
Uhrmacher abhängig, die Bestandteile und Gestelle zum Werk 
zusammenzufügen hatten. Ehe sich diese von dem Vorteil des 
Neuen überzeugten, mochte noch weitere Zeit verloren gehen. 

Wenn die Zersplitterung der Industrie in eine Reihe selb- 

I) A. a. 0. S. 25. 



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ständiger Teilgewerbe den Fortschritt in der Fabrikation auch 
nicht geradezu ausschloss, so erschwerte sie ihn doch jedenfalls 
in hohem Masse. Insofern tat demnach die Zentralstelle zu we- 
nig, als sie sich nur mit der Technik der Fabrikation, nicht aber 
auch mit ihrer Organisation beschäftigte. Hätte sie versucht, die 
Bestandteilfabrik von vornherein in engere Verbindung mit den 
wichtigsten anderen Teilen der Industrie zu bringen, in der 
Weise etwa, dass der Unternehmer der Fabrik auch für die Ge- 
stellmacher und für die auf das Ausarbeiten und Zusammensetzen 
der Teile beschränkten Uhrmacher Arbeitgeber wurde , so wäre 
der Erfolg vielleicht ein besserer gewesen. 

Von diesem Standpunkt aus müssen wir es bedauern, dass 
die Zentralstelle nicht auf den Plan einging, den ihr im Jahre 
1853 die Gebrüder Hailer und der Kaufmann Friedrich Mauthe 
zur Gründung einer Uhrenfabrik vorlegten. Die Ausführung dieses 
Planes hätte die Schwenninger Uhrmacherei vielleicht um zwei 
Jahrzehnte früher auf die Bahn grossindustrieller Entwickelung 
gebracht, als sie tatsächlich von ihr beschritten worden ist. 

Die Zentralstelle verkannte allerdings auch schon damals nicht 
die Vorzüge, die die Ausdehnung des ins Leben zu rufenden 
Unternehmens über die Schranken einer Bestandteilfabrik hinaus 
haben musste. Aber es fehlten ihr für ein grösseres Unternehmen 
nicht nur, wie wir schon hervorhoben, die Mittel, sondern sie 
hatte noch einen anderen prinzipiellen Grund, durch den sie sich 
an die Beschränkung ihrer Pläne gebunden fühlte. 

Als Vertreterin des Staates, der Gesamtheit, glaubte die 
Zentralstelle darauf bedacht sein zu müssen, dass ihre Beiträge, 
die ja von der Gesamtheit herrührten, so verwendet wurden, dass 
sie einem möglichst weiten Kreise der Industriellen möglichst 
direkt Nutzen zu bringen versprachen. Mit der Einrichtung 
einer blossen Bestandteilfabrik gab sie nun den kleinen Meistern 
Gelegenheit, durch Bezug von Bestandteilen aus der Fabrik an 
dem Nutzen der neuen Fabrikationsmethode teilzunehmen. Eine 
Uhrenfabrik dagegen wäre den kleinen Meistern als neuer über- 
mächtiger Konkurrent entgegengetreten und es wäre von diesen 
der Zentralstelle vorgeworfen worden, dass sie öffentliche Gelder 
anstatt zur Hebung der ganzen Industrie zum Vorteil einzelner 
und zum Schaden der grossen Mehrheit verwende. 

Die Erfahrungen mit der Bürkschen Bestand teilfabrik bewirk- 
ten, dass die Zentralstelle in dieser Beziehung schliesslich weniger 



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- 45 — 

ängstlich dachte. Bei den Verhandlungen mit Spaichingen ist 
das Ziel nur noch die Errichtung einer mit Maschinen ausgerüste- 
ten Fabrik, die imstande sein sollte, nach dem Muster der aus- 
ländischen Fabrikation gute Uhren billig herzustellen. Von einer 
Beschränkung auf die Herstellung von Bestandteilen ist nicht mehr 
die Rede. Die Zentralstelle hielt es offenbar auch für unprak- 
tisch, dass diese Fabrik von der Genossenschaft, die sich in 
Spaichingen gebildet hatte, betrieben wurde; sie sollte das Unter- 
nehmen eines einzelnen sein. Dass dieser Plan nicht zur Aus- 
führung kam, daran waren besondere Umstände schuld, die nichts 
gegen die Zweckmässigkeit dieses Planes an sich beweisen. 

Von dem Walcherschen Unternehmen können wir hier ab- 
sehen, da es sich bei ihm im Grunde nur noch um die Errich- 
tung einer Lehrwerkstätte handelte. 

Gegen unsere Ansicht, dass es nicht zweckmassig war, die 
Errichtung einer blossen Bestandteilfabrik anzustreben, könnte man 
allerdings einwenden, dass die Zentralstelle nur das anstrebte, 
was auf dem badischen Schwarzwald lange Wirklichkeit war. 
Dort fügten die grösseren Giessereien ihren Betrieben allmählich 
auch die weitere Bearbeitung der gegossenen Räder (Zahnen, 
Bohren u. s. w.)'an und lieferten den Uhrmachern die Hauptbe- 
standteile des Werks nicht mehr in rohem, sondern in fast ferti- 
gem Zustande. Die Giessereien entwickelten sich zu Bestandteil- 
fabriken und liessen den Uhrmachern nur noch das letzte Fertig- 
machen und das Zusammensetzen der Bestandteile. Wenn sich 
dann auch hier die Teilung der Arbeit zwischen Fabrik und Klein- 
meister für den allergrössten Teil der Industrie nur als ein Ueber- 
gangsstadium erwiesen hat, dessen Ende war, dass der Klein- 
meister in die Dienste des Fabrikanten trat, sei es als Fabrik- 
oder als Heimarbeiter, so könnte man doch den Beweis als er- 
bracht ansehen, dass der Weg, den die Zentralstelle einschlug, 
gangbar war. 

Dass der Weg ungangbar gewesen wäre, soll auch nicht be- 
hauptet werden. Nur sind wir der Ansicht, dass auf dem Wege 
der Errichtung einer vollständigen P'abrik ein Erfolg leichter zu 
erzielen gewesen wäre. Die Verhältnisse lagen im württembergi- 
schen Schwarzwald auch anders als im badischen. Hier konnten 
die Bestandteilfabriken aus Betrieben hervorgehen, die schon lange 
der Industrie eingegliedert waren. Auf dem württembergischen 
Schwarzwald aber gab es gar keine Giesserei, die sich zu einer 



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_ 46 - 

Bestandteilfabrik hätte entwickeln können. 

Erste Voraussetzung für eine der badischen ähnliche Knt- 
wickelung wäre also die Gründung einer Giesserei gewesen. Hätte 
man sich zu dieser entschlossen und später die schon einige Zeit 
im Betrieb befindliche, in der Industrie eingelebte Giesserei mit 
Maschinen ausgerüstet, um sie in den Stand zu setzen, auch die 
weitere Bearbeitung der gegossenen Bestandteile in rationeller 
Weise vorzunehmen, so wäre man vielleicht auch so zu der ge- 
wünschten Arbeitsteilung gelangt Aber die Zentralstelle wollte 
keine auf einer Giesserei basierende Bestandteilfabrik ; sie wollte 
eine nach einem neuen, wenigstens für den Schwarzwald so gut 
wie neuen System arbeitende Bestandteilfabrik, eine Fabrik, die 
die Bestandteile nicht aus dem Rohguss herstellte, sondern mit- 
tels Stanzverfahrens aus gewalztem Messing. Damit eben wollte 
sie, wie wir vorhin sagten, wohl zu viel. Es wäre wohl zweck- 
mässiger gewesen, den zu schaffenden Betrieb, der sich den an- 
deren Teilgewerben neu eingliedern sollte, so zu gestalten, dass 
er sich dem Alten, Bestehenden möglichst anschloss, anstatt ihn 
sofort zum Träger einer neuen Technik zu machen. 

Wollte man durchaus das französische oder amerikanische 
Stanzverfahren sofort einführen, so wäre man vielleicht besser 
noch einen Schritt weitergegangen, indem man die Fabrikation 
von ganz metallenen Uhren aufgenommen und den Uhrmachern 
durch die Fabrik statt der einzelnen Bestandteile Rohwerke ge- 
liefert hätte. In Baden begann die Massivuhren-Industrie damit, 
dass die Uhrmacher Rohwerke aus Frankreich bezogen. Auch 
die 1851 gegründete Fabrik in Lenzkirch beschränkte sich an- 
fangs fast nur auf das Finieren französischer Rohwerke; erst nach 
einigen Jahren machte sie diese selber und lieferte sie auch an 
Uhrmacher des Schwarzwalds zur weiteren Bearbeitung i). 

Die Bemühungen der Zentralstelle um die Hebung der Uhren- 
industrie fanden, wie wir gesehen haben, ihren Abschluss in der 
Errichtung einer Lehrwerkstätte in Ulm, 

Schon das Bürksche Unternehmen war ja ausser als Bestand- 
teilfabrik als Lehrwerkstätte gedacht, jedoch ohne dass diese 
Seite des Unternehmens planvoll ausgestaltet worden wäre. Es 
sollten mit kurzer Lehrzeit Teilarbeiter für maschinelle Arbeit 
ausgebildet werden ; was aber diese Teilarbeiter nach ihrer Aus- 
i) Meidingir, Die Entwicklung der Grassindustrie des Grossherzogtums Baden, 



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— 47 ~ 

bildung und nach dem Austritt aus der Bürkschen Fabrik be- 
ginnen sollten, blieb unklar. Bei den anderen Meistern konnten 
sie keine Arbeit finden, da diese, auch wenn sie gewillt gewesen 
wären, in ihren Werkstätten, Arbeitsteilung durchzuführen, eben 
doch keine Maschinen hatten, an denen die bei Bürk Ausgebilde- 
ten das Gelernte hätten verwenden können, und ihnen auch das 
Geld zur Beschaffung von Maschinen meistens mangelte. Aus 
demselben Grunde: Mangel an maschineller Einrichtung bezw. 
Mangel an Geld, sich diese zu beschaffen, konnten sich die frü- 
heren Bürkschen Lehrlinge auch nicht als selbständige Teilarbeiter 
etablieren. Die Zentralstelle selber gab dann auch bald Bürk den 
Rat, weniger Lehrlinge aufzunehmen und diese dafür länger zu 
behalten. 

Bei der Walcherschen Lehrwerkstätte trat das Ziel der Lehr- 
lingsausbildung klarer hervor. Die Lehrlinge sollten die moderne 
Uhrenfabrikation in ihrem ganzen Umfange kennen und ausüben 
lernen, um selber später Fabrikanten werden zu können. Auch 
wem das Kapital zum selbständigen Betrieb mangelte oder wer 
sich wirklich nur als Teilarbeiter ausbilden Hess, konnte jetzt im 
württembergischen Schwarzwald sein Brot finden. Denn schon 
hatten sich die Zeiten geändert ; es gab nunmehr auch im Schwarz- 
wald schon grössere Betriebe, die Werkmeister und Teilarbeiter 
verwenden konnten. 

Mit der Errichtung der Lehrwerkstätte hatte sich die Zen- 
tralstelle dem Standpunkt der badischen Regierung genähert. 
Statt direkt auf die Werkstätten der Uhren Industrie einzuwirken, 
versuchte sie jetzt, dies indirekt durch die Ausbildung der Ar- 
beitskräfte zu tun. Allerdings hütete sie sich, so grosse Kosten 
aufzuwenden, wie es Baden mit der Errichtung der Furtwanger 
Schule getan hatte. Bei dem viel geringeren Umfange der würt- 
tembergischen Industrie wären so grosse Ausgaben auch nicht 
gerechtfertigt gewesen. Die Ulmer Lehrwerkstätte war also nur 
ein bescheidenes Unternehmen. Aber dass die Ausbildung der 
jui^en Uhrmacher nicht in einer leicht ihre Ziele zu hoch stecken- 
den, zu unpraktischem Theoretisieren neigenden Schule stattfand, 
sondern in der Werkstätte eines im Konkurrenz kämpfe stehenden 
Unternehmers, war sicherlich nur ein Vorteil für die Auszubilden- 
den. Ist die Ulmer Lehrwerkstätte für die Entwicklung der In- 
dustrie auch nicht von entscheidender Bedeutung geworden, so 
hat sie doch einen fördernden Einfluss ausgeübt, insbesondere 



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- 48 - 

auf die Regulateurfabrikation in Schwenningen und Mühlheim. 
Wenn dabei Walcher mit seiner eigenen Fabrilt keinen Erfolg 
hatte, so lag dies zu einem Teile wohl auch daran, dass er sich 
in manchem Schüler selber einen Konkurrenten gross zog. 

Ebenso wie es durchaus ungerechtfertigt wäre, die Zentral- 
stelle deswegen der Kurzsichtifjkeit zu zeihen, weil sie nicht von 
vornherein entschlossen auf die Schaffung einer vollständigen 
Uhrenfabrik lossteuerte, sondern bei ihrer Hilfsaktion die be- 
stehende Hausindustrie zu fördern versuchte; ebenso würde man 
auch den Schwenninger Uhrmachern Unrecht tun, wenn man es 
ihnen als grosse Schuld anrechnen wollte, dass sie nicht versucht 
haben, durch genossenschaftlichen Zusammenschluss und durch ak- 
tiveres Eingehen auf den von den Leitern des Uhrengewerbe- 
vereins und später von der Zentralstelle verfolgten Plan dem 
Kleinmeistertum einen Anteil an der Entwickelung der Industrie 
zu sichern. Die Schwenninger Uhrmacher verhielten sich nur so, 
wie es die Menschen in solchen Fällen in der Regel tun werden. 
Ein genossenschaftlicher Zusammenschluss ist nur soweit möglich, 
als er nicht von den Beteiligten ein Mass von Idealismus voraus- 
setzt, das dem Durchschnittsmenschen eben nicht eigen ist. Die 
Schwenninger Uhrmacher hatten in gewissem Sinne ja auch nicht 
so Unrecht, dem Neuen misstrauisch gegenüber zu stehen. Wel- 
cher Weg auch eingeschlagen wurde, der Enderfolg musste doch 
sein, dass sie ihre bisherige Selbständigkeit einbüssten, da eine 
weitere Ausbildung der Arbeitsteilung nur bei strafferer Zusam- 
menfassung der Industrie möglich war. 

Dass die Schwenninger, nachdem sie einmal den Wert des 
Neuen erkannt hatten, sich dieses rüstig anzueignen verstanden, 
hat die spätere Entwicklung bewiesen. 

Die für den Weiterbestand der Industrie entscheidende Wen- 
dung erfolgte ausserhalb der alten Hausindustrie, in Württemberg 
sowohl wie in Baden. In Württemberg war es Schramberg, wo 
zuerst die neue Bahn beschritten wurde. 



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Fünfter Abschnitt. 

Die Wendung. (Von der Mitte der 60 er bis Anfang 
der 80 er Jahre.) 

In Schramberg bestand die Uhrenindustrie noch nicht so 
lange wie in Schwenningen ; die alten Formen der Hausindustrie 
waren noch nicht so fest eingewurzelt, das Neue konnte sich des- 
halb noch leichter durchsetzen. Die Epoche dieses Neuen begann, 
als Erhard Junghans in Schramberg eine Fabrik zur Herstellung 
von Uhren nach amerikanischem Muster gründete. 

Erhard Junghans war Teilhaber der Strohmanufaktur in 
Schramberg und als unternehmender und intelligenter Mann von 
Steinbeis schon ganz zu Beginn aller Bemühungen der Zentral- 
stelle um die Uhrenindustrie in den Jahren 1849/50 aufgefordert 
worden, die fabrikmässige Herstellung von Uhren nach amerikani- 
schem Muster aufzunehmen. Junghans hatte dieser Aufforderung 
keine Folge leisten können, da die Strohmanufaktur alle seine 
Kräfte in Anspruch nahm. Die Anregung trug aber doch noch 
ihre Früchte, In der Ueberzeugung, dass die Schwarzwälder 
Uhrmacherei in ihrer bisherigen Betriebsweise dem Untergang zu- 
steuere, entschloss sich Junghans anfang der 60er Jahre, einen 
Versuch mit der Fabrikation von Uhren nach amerikanischem 
System zu machen. Gelegenheit zum Bezüge der nötigen Ma- 
schinen und Utensilien hatte er durch seinen Bruder Xaver, der 
schon seit ig Jahren in Amerika weilte und als Schreiner we- 
nigstens für die Gehäusefabrikation sachverständig war. 1863 be- 
gannen beide die Versuche. Die Handels- und Gewerbekammer 
Reutlingen berichtet aus diesem Jahr über die Uhrenindustrie : 
=Um dem Eindringen des amerikanischen Fabrikats auf den deut- 
schen Markt vorzubeugen, haben einige unternehmende Fabrikan- 
ten in Schramberg damit begonnen, die Fabrikation amerikani- 

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— 50 — 

scher Uhren ganz nach amerikanischem Prinzip einzuführen, zu 
diesem Zweclt die erforderlichen Maschinen in Amerika selbst 
eingekauft und bereits Proben gefertigt, die an einem glücklichen 
Erfolg kaum zweifeln lassen*. 

>Nach unsäglicher Mühe — sagt der in dem im württem- 
bergischen Gewerbeblatt 1871 für Erhard Junghans erschienene 
Nachruf — hatte man eine, wenn auch noch unvollkommene Uhr 
zustande gebracht. Langsam gelai^ die Erreichung dieses Zie- 
les, das Sachverständige, namentlich Engländer als unerreichbar 
erklärt hatten*. Besondere Schwierigkeiten machte es, für das 
Zahnen der Räder geeignete Maschinen zu beschaffen. Erst 1866 
war Junghans soweit, dass er der K. Zentralstelle drei Muster- 
uhren überreichen konnte. 1867 begann der eigentliche Fabrik- 
betrieb. 

Bei der Amerikaner Uhr sitzt das Werk nicht wie bei der 
Schwarzwälder Uhr in einem Holz-, sondern in einem Metall- 
gestell; sie hat >Metallplatinen«. Die Platinen sind durchbrochen, 
d. h. es ist aus ihnen alles das herausgestanzt, was nicht zum 
Zusammenhalten des Räderwerks notwendig erscheint. Die Triebe 
sind wie bei der Schwarzwälder Uhr Hohltriebe. Als das Neue 
der Fabrikation nach amerikanischem System wird oft angegeben, 
dass Platinen und Räder aus Tafelmessing gestanzt werden *), 
während nach dem damaligen Schwarzwälder Fabrikationssystem 
Messingguss zur Anwendung kam. Wir haben aber schon früher 
gesehen, dass auch in den französischen Uhrenfabriken die Be- 
standteile ausgestanzt wurden und dass femer Bürk in Schwen- 
ningen nach deren Muster das Stanzen der Räder aus Tafelmes- 
sing auch schon für die Schwarzwälder Uhren angewendet hatte. 
Neu war aber bei der Fabrikation nach amerikanischem System, 
dass sie die Herstellung der Uhren noch wesentlich vereinfachte, in- 
dem sie z. B. auch die Zapfenlöcher m den Platinen ausstanzte 
statt bohrte, die Zahnung der Räder für grössere Partien zugleich 
vornahm u. s. w. und dass sie, was das Wichtigste war, die ma- 
schinelle Bearbeitung der Teile bis zu dem Punkte trieb, dass 
sie einer weiteren Bearbeitung von der Hand des Uhrmachers 
entbehren und von der Maschine weg zum Werk zusammengesetzt 

l) So identifiziert auch Feucrstiin in der Einleitung zti seiner Schrift: »Lohn 
und Haushalt der Uhcenfabrikarbeitet des badischen Schwarzwalds« , 1905, Ameri- 
kaner Uhr und »gestanzte" Uhr, obgleich doch auch für die massive Uhr gestanzte 
Teile von Anfang an verwendet wurden. 



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_ gi _ 

werden konnten *■). Präzisionsmaschinen verrichteten die einzelnen 
Arbeiten automatisch mit so grosser Genauigkeit, dass ein Be- 
standteil ausfiel wie der andere und einer durch den anderen glei- 
cher Art ersetzt werden konnte, ohne dass gegenseitiges Anpas- 
sen und Zusammenrichten erforderlich gewesen wäre. Freilich 
machte man dem neuen Fabrikat den Mangel einer sorgfältigen 
Ausarbeitung des Werkes zum Vorwurf; aber die Amerikaner 
Uhren gingen so zuverlässig und so lange, als man es von einer 
für den gewöhnlichen Gebrauch bestimmten Uhr verlangen konnte, 
und sie waren billig ; sie verdienten also auch den Erfolg, den 
sie schliesslich hatten. 

Ursprüngliches Fabrikat von Junghans waren die sogenannten 
Schiffsuhren d. h. Wanduhren mit Zugfeder, Ankergai^ und Un- 
ruhe, also in allen Lagen gehend, in achteckigen lackierten Holz- 
gehäusen. Das Lackieren der Gehäuse anstatt des Polierens war 
auch eine amerikanische Eigentümlichkeit. Uhren solcher Art 
waren von Amerika hauptsächlich in den nicht zum Zollverein 
gehörenden Teilen Deutschlands, in denen das Schwarzwälder 
Fabrikat des Zollschutzes entbehrte, importiert worden und hatten 
sich hier d. h. in den Hansestädten , Schleswig-Holstein und 
Mecklenburg eingebürgert. Für die Schramberger Fabrik war 
deshalb die nach dem i866er Krieg erfolgende Einverleibung von 
Schleswig-Holstein und Mecklenburg in den Zollverein ein höchst 
günstiges Ereignis, da sie dadurch ein durch Zölle geschütztes 
inländisches Absatzgebiet erhielt, das schon an die Amerikaner 
Uhren gewöhnt war. Weiteren Absatz gewann man, indem man 
sich in der Form und in der Ausstattung der Gehäuse mit der 
Zeit dem deutschen Geschmack anbequemte. 

Es gelang, die amerikanische Konkurrenz zu schlagen, trotz 
der mannigfachen Vorteile, die diese bei Produktion und Absatz 
hatte : gutes und billiges Pallisander- und Mahagoniholz, vorzüg- 
liche maschinelle Einrichtung, geschickte Arbeiter, deren grosse 
Leistungsfähigkeit den Nachteil hoher Arbeitslöhne mehr als aus- 
l) In seinem Aufsatz .Gewerbet im Handwörterbuch der Staals Wissenschaften 
Bd. IV, S. 38S führt Bäder die Schwariwälder Uhrenfabrikation als Beispiel dafHr 
an. dass die Vurzüge des konzentrierten vor dem zerstreuten Betrieb (gtilsseie Gleich- 
mässigkeit des Fabrikats, stete Lieferungsbereitschaft , Sicherung gegen Stoffunter- 
schlagung und Beschädigung), zuweilen auch da lum Fabriksystem übergehen lassen, 
wo dasselbe sich keines anderen technischen Verfahrens bedienen kann wie die 
Hausindustrie, Für die jetzt im Schwariwald vorherrschende Fabrikation der Ame- 
rikaner Uhren trifl^ diese Exemplilizierung nicht zu. 

4* 



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— 52 — 

glich, niedrige Frachten, die die Beförderung von New- York nach 
Hambui^ ebenso billig gestatteten , wie die von Schramberg 
dorthin. 

Junghans und später seine beiden Sohne ruhten nicht, die 
Fabrikation immer weiter zu vervollkommnen ; seine Fabrik blieb 
mit der amerikanischen Technik durch mehrmalige Entsendung 
von Ingenieuren nach Amerika in ununterbrochener Fühlung. 
Allmählich gelang es auch, Verbesserungen anzubrii^en, die dem 
deutschen Fabrikat dem amerikanischen gegenüber einen Vorzug 
verschafften. 

In dem Bericht für 1868 konnte man schon von einer in 
Schramberg seit einigen Jahren »schwunghaft« betriebenen Fabri- 
kation von Amerikaner Uhren reden. »Das Etablissement — wird 
ausgeführt — hat seine Fabrikationseinrichtungen durch Aufstel- 
lung weiterer Drehbänke, Bohr- und Zahnmaschinen, Zirkularsägen 
und durch Anstellung weiterer Arbeiter vermehrt und fabriziert 
pro Woche ca. 300 Stück fertige Schiffs- und andere Uhren. Die 
Erzeugnisse, welche den in den Vereinigten Staaten Nordamerikas 
fabrizierten Wand-, Stand- und Schlffsuhren nachgebildet sind, 
haben bis jetzt stets schnellen Absatz bei guter und prompter 
Bezahlung gefunden«. 

So ging es rasch mit der Entwickelung der Schramberger 
Uhrenindustrie vorwärts. Um die Mitte der 70er Jahre erwuchs 
dem Junghansschen Unternehmen in Schramberg eine Konkurrenz 
in der Firma Landenberger und Lang, der jetzigen Aktiei^esell- 
schaft Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik. Andere Gründungen 
hatten keinen dauernden Erfolg. 

Es ist bemerkenswert, dass die Uhrenindustrie in Schramberg 
einen solchen Aufschwung nahm, obgleich der Ort bis in die 90er 
Jahre des Bahnanschlusses entbehrte, während manche Orte der 
Nachbarschaft, die günstigen Bahnanschluss erhielten, gewerblich 
zurückgingen. Damit zeigt sich, dass für die Entwickelung eines 
Ortes oft weit wichtiger als seine Lage der Umstand ist, ob sich 
in ihm zur rechten Zeit der richtige Mann findet. 

Wo die Maschinenarbeit soweit ging, wie es bei der Fabri- 
kation der Amerikaner Uhren der Fall war, so weit, dass für die 
Hand nur noch das Zusammensetzen der Uhr übrig blieb, konnte 
auch eine selbständige Hausindustrie keinen Platz mehr haben. 
Soweit eine Arbeit in häuslicher Werkstätte überhaupt noch mög- 
lich war, konnte sie nur im Dienste des Fabrikherm stattfinden. 



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— 53 — 

Die Junghanssche Fabrik hat sich von vornherein auf fast alle 
Hilfsgewerbe für die Uhrenfabrikation ausgedehnt ; sie fertigte 
schon in den 6oer Jahren nicht nur die Werke an , sondern 
auch Gehäuse, Zifferblätter u. s. w., und wir finden unter ihrer 
Arbeiterschaft neben den Uhrmachern schon damals auch 
Schreiner, Maler, Lithographen und andere Hilfsarbeiter in gros- 
ser Zahl. 

Der Bericht der Junghansschen Fabrik für das Jahr 1868 be- 
merkt ausdrücklich, dass unter den 72 von ihr beschäftigten Ar- 
beitern die meisten Familienväter wären, die früher in der Uhr- 
macherei selbständig, dabei nicht mehr ihre Rechnung gefunden 
hätten. 1878 konnte das Schramberger Mitglied der Handels- 
kammer Rottweil in einem Bericht an die Kammer feststellen, 
dass es in Schramberg eine Hausindustrie für die Uhrmacherei 
nicht mehr gäbe. Für die alte Hausindustrie bedeutete also das 
Verdrillen der Fabrikation nach amerikanischem System den 
Untergang. Aber in Württembei^ hat es sich ja eigentlich nie 
um die Erhaltung und Förderung speziell der hausindustriellen 
Betriebsform der Uhrenindustrie gehandelt, sondern, wenn man 
auch an diese Form als an die gegebene anzuknüpfen versuchte, 
am letzten Ende doch um die Hebung der Industrie an sich. 
Dieses Ziel wurde durch die Aufnahme der Fabrikation nach 
amerikanischem System erreicht. Die Meister, die in die Fabrik 
eintraten, fuhren dabei nicht schlecht. In einem Schreiben an die 
Zentralstelle vergleicht Junghans das Los der selbständigen Uhr- 
macher und der Arbeiter in seiner Fabrik und kommt zu dem 
Schluss, dass letztere es besser hätten. 

'DerKleinuhrmacher • , schreibt er, » der vom Giesser, vom Kästle- 
macher, Schildmaler, Kettenmacher, Federmacher, Zeigermacher und 
von allen möglichen anderen Fabrikanten abhängig ist und jedem 
seinen Nutzen geben muss, ist obendrein der Gnade oder Ungnade 
des Packers preisgegeben und sein Los ist minder, sein Verdienst 
geringer als der eines ganz geringen Taglöhners. In einer gut mon- 
tierten und gut eingeführten Fabrik dagegen kann er von i Gulden 
bis I Taler pro Tag verdienen und hat keine Sorgen um Absatz, 
Inkasso und was alles drum und dran hängte. 

Während in Schramberg Ende der 60er Jahre mit der Ein- 
führung der Fabrikation nach amerikanischem System die Uhren- 
industrie rasch auf der Bahn grossindustrieller Entwickelung vor- 
wärts schritt, blieb sie in Schwenningen infolge des Schei- 



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— 54 — 

tems des Bürkschen Unternehmens zur Einführung einer modernen 
Bestandteilfabrikation noch einige Zeit im alten Geleise. 

Von Fortschritten ist wenig zu bemerken; — wird 1865 be- 
richtet — , namentlich der kleine Gewerbsmann denkt wenig an 
Verbesserungen. »Der schlechte Absatz hatte zur Folge, dass Ge- 
werbegehilfen und geringere Meister sich dem Eisenbahnbau zuwand- 
ten, einzelne grössere Geschäfte sich ganz auflösten oder doch ihren 
Betrieb bedeutend reduzieren mussteni. Auch im folgenden Jahr 
(1866) machten sich die erwarteten technischen Fortschritte noch 
immer nicht bemerkbar: »Bei allem Streben nach wohlfeiler Pro- 
duktion geht der Prozess der Ausscheidung der Einzelbranchen 
dieser Industrie, die Arbeitsteilung, nur langsam vor sich«. Der 
Bericht von 1867 konstatiert, dass die vor zwei Jahren erfolgte 
Herabsetzung des französischen Zolles eine Erweiterung des Ab- 
satzes nach Frankreich nicht bewirkt habe, >da die Schwarzwäl- 
der Uhren wegen ihrer geringen Ausstattung nicht gegen das 
französische Fabrikat aufzukommen vermochten'. Nach dem Be- 
richt von 1869 hatte sich an der Lage der Industrie nichts ge- 
ändert. Die von der K. Zentralstelle in diesem Jahre in den 
Schwarzwald zur Untersuchung der Verhältnisse der Uhrenindu- 
strie entsandte Kommission kam zu dem Urteil, dass der badische 
Schwarzwald dem württembergischen weit voran sei ; auch abge- 
sehen von den grossartigen Fabriken in Lenzkirch und Neustadt 
sei auf ihm die Industrie mehr in den Händen grösserer mit dem 
nötigen Betriebskapital ausgerüsteter Unternehmer konzentriert, die 
den kleineren Meistern die Bestandteile lieferten, das System und 
die Form, welche der jeweilige Markt erforderten, vorschrieben, 
die äussere Ausstattung nach dem Geschmack der Zeit besorgten 
und für den Absatz einstanden. 

Es war der in der deutschen Industrie nach dem Kriege von 
1870 allgemein eintretende Aufschwung, der endlich auch für die 
Schwenninger Uhrmacherei den Anstoss zu einer kräftigeren Ent- 
wickeiung gab. 

Jedoch vollzog sich die Entwickelung in wesentlich anderer 
Art als in Schramberg. Während dort plötzlich ein sich rasch 
ausdehnendes Fabrikunternehmen, ins Leben gerufen von einem 
ausserhalb der Industrie stehenden Manne, entstand, das die alte 
Hausindustrie bald aufgesogen hatte, ging die Entwickelung in 
Schwenningen, wo die Industrie älter und infolgedessen stärker 
mit schwer zu überwindenden Traditionen belastet war, nur ganz 



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— 55 — 

allmählich vor sich. Wir müssen hier auseinanderhalten die Fa- 
brikation der alten Schwarzwälder Uhren und die Massivuhren- 
fabrikation. 

Die Fabrikation der Schwarzwälder Uhren, d.h. 
der Uhren in Holzgestell mit Bestandteilen aus Messingguss kam 
überhaupt nicht aus der ha usindustri eilen Form heraus ; nur er- 
fuhr diese Form einige allerdings nicht unwesentliche Verände- 
rungen. Es kam in Schwenningen gerade jetzt erst, Ende der 
6oer, Anfang der 70er Jahre, das Packerwesen in rechte Blüte. 
Dem bedeutendsten Schwenninger Packer, dem Kaufmann Fried- 
rich Mauthe, sind wir schon früher begegnet. Neben ihm be- 
gannen noch einige durch Intelligenz, Unternehmungslust und Ka- 
pitalbesitz ausgezeichnete Uhrmacher sich auf das Packergeschäft 
zu verlegen. Es ist den Schwenninger Packern so wie ihren 
badischen Berufsgenossen vielfach zum Vorwurf gemacht wor- 
den, dass sie die kleinen Meister rücksichtslos ausgebeutet hätten. 
Wieweit der Vorwurf gerechtfertigt ist , mag dahin gestellt 
bleiben. Jedenfalls darf über der Schattenseite des Packerwe- 
sens nicht vergessen werden, dass dadurch, dass sich die klei- 
nen Meister um einzelne Unternehmer, die befähigt waren, 
die Leitung der Produktion und des Absatzes zu übernehmen, 
d. h. eben um die Packer gruppierten , die schon so lange er- 
strebte, für den Weiterbestand der Industrie notwendige Arbeits- 
teilung durchgeführt werden konnte. Die Packer beschäftigten 
den einen Teil der von ihnen abhängigen Meister nur noch mit 
der Herstellung der Bestandteile , den anderen mit dem Zusam- 
mensetzen der Werke ; auch innerhalb des Kreises der Bestand- 
teilmacber kam nun mehr und mehr eine Teilung der Arbeit in 
Aufnahme, indem der eine Meister den Packern nur diese, der 
andere jene Bestandteile lieferte. 

»In der Uhrenindustrie des Schwarzwaldes — so berichtet die 
Handelskammer Rottweil für 1873 — ist seit Jahren eine Aende- 
rung darin zu erbhcken, dass auch bei den sogenannten Stück- 
werkern nach und nach Arbeitsteilung eingeführt wird. Früher 
glaubte jeder Uhrmacher, der zu Hause allein oder mit i — 2 Ar- 
beitern stückwerkerte, die Uhren von Anfang bis zu Ende her- 
stellen und sie fertig den Packern bezw. dem Uhrenhändler ab- 
liefern zu müssen; nun aber hat fast jeder seine eigene Branche 
und es ist sehr natürlich, dass auf diese Weise viel mehr ge- 
leistet werden kann.! 



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- S6 - 

Die Bezeichnung -Stückwerker« begegnet uns hier zum ersten 
Male in den Berichten; ihre Anwendung bezeugt, dass in der 
Stellung vieler kleiner Meister schon eine Aenderung eingetreten 
ist, dass das Verhältnis zwischen ihnen und ihren Auftragsgebem 
seinem Wesen nach nicht mehr das von Verkäufern und Käufern, 
sondern das von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist. 

1880 hatte sich das Abhängigkeitsverhältnis der kleinen Mei- 
ster von den Packern schon so weit entwickelt, dass der Fabrik- 
inspektor den das Trucksystem verbietenden §115 der G.O. für 
anwendbar auch auf die Schwenninger Kleinmeister erklären 
konnte; er führte in seinem Bericht aus: »Wenn die betreffenden 
Uhrpacker sich darauf berufen, dass sie diese Uhrmacher nicht als 
ihre Arbeiter, sondern als selbständig ihnen gegenüber stehende 
Industrielle betrachten, die teils ihnen teils andern ihre fertigen 
Fabrikate offerieren, und mit welchen sie — auch nach dem 
jetzigen Gesetze — sich für berechtigt halten, Geschäfte in dieser 
Weise zu machen, so kann diese Ansicht vor dem Gesetz nicht 
bestehen. Die hausindustriellen Uhrmacher, Uhrschüdmaler, Ge- 
stellmacher u. s. w., welche in fortdauerndem Ab rechnungs- Ver- 
hältnis mit dem Uhren-Fabrikanten stehen, welche häufig sogar 
ausdrückliche Bestellungen und rohe Uhren-Bestandteile zur Ver- 
arbeitung vom Uhren-Fabrikanten erhalten, sind nichts anders 
als solche Personen, welche nach § 119 Abs. 2 der G.O. für 
bestimmte Gewerbetreibende ausserhalb der Arbeitsstätten der 
letzteren mit der Anfertigung gewerblicher Erzeugnisse beschäf- 
tigt werden. Diesen sind nach § 115 des angeführten Gesetzes 
die Gewerbetreibenden verpflichtet, die Löhne bar in Reichs- 
währung auszuzahlen und dürfen ihnen keine Waren kreditieren.« 

Der Schlussakt des Arbeitsprozesses wurde mit der Zeit aus 
den Werkstätten der kleinen Meister in die Geschäftsräume des 
Packers verlegt. Ursprünglich hatten die Packer sich damit be- 
gnügt, die Werke und Ausrüstungsgegenstände getrennt zu ver- 
senden, wie sie von den Uhrmachern und den Hilfsgewerblem 
geliefert wurden; die Ausrüstung der Uhr erfolgte meistens erst 
auswärts durch den Händler. Später wurde es üblich, dass der 
Packer selber die Ausrüstung vornahm, zu welchem Zwecke er 
einige Leute in seinen Geschäftsräumen beschäftigte. Nachdem 
die Packer auf diese Weise begonnen hatten, selber eine aller- 
dings sehr beschränkte Fabrikationstätigkeit auszuüben, lag es 
nahe, dass sie allmählich weitere Teile des Arbeitsprozesses in 



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— 57 — 

ihre Werkstätten zogen. So übernahmen sie das Zusammensetzen 
der Werke ^). 

Eine weitere Aneignung des Arbeitsprozesses durch die Packer 
fand jedoch nicht statt. Zwar verdrängte auch bei den Messing- 
guss-Bestandteilen der Schwarzwälder Uhren für die ersten Sta- 
dien der Bearbeitung die Maschine mehr und mehr die Handar- 
beit und es konnte diese maschinelle Bearbeitung nur in grös- 
seren, entsprechend ausgerüsteten Werkstätten erfolgen. Aber 
solche Bestandteilfabriken waren schon in Baden aus einigen lei- 
stungsfähigen Giessereien entstanden, von denen der Packer vor- 
gearbeitete Bestandteile zur Weitergabe an die von ihm ab- 
hängigen Meister zwecks Vollendung beziehen konnte *). 

Schwenningen hatte bekanntlich keine eigene Giesserei und 
blieb infolgedessen auch ohne eine Bestandteilfabrik der Art, 
wie sie z. B. die Fabrik von Gebr. Siedle in Triberg darstellte. 

Die Fabrikation der Schwarzwälder Uhren verharrte also in 
Schwenningen im wesentlichen in der Form der Hausindustrie. 
Jedoch begnügten sich die Packer oder Fabrikanten nicht mehr 
damit, Schwarzwälder Uhren durch die kleinen Meister herstellen 
zu lassen ; sie begannen einer nach dem andern, daneben auch 
ganz metallene Uhren mit Bestandteilen aus gewalztem Messing 
in eigenen Werkstätten zu fabrizieren. Es war der Kaufmann 
und Packer Friedrich Mauthe, der hier bahnbrechend vor- 
ging. Schon Ende der 6oer Jahre fabrizierte er in gemieteten 
Räumen mit 12 Arbeitern massive 30stündige Federzuguhren. 
1876 übernahmen seine beiden Söhne Christian und Jakob das 
Geschäft, erwarben ein besonderes Haus und fingen an, die Her- 
stellung von massiven Uhren — neben dem im alten Geleise sich 
fortbewegenden Geschäft mit Schwarzwälder Uhren — fabrikmässig 
mittels Arbeitsteilung zu betreiben. Das Mauthesche Beispiel 
fand bald Nachahmer, 

Bis man so weit war, die Bestandteile selber ausstanzen zu 
können, behalf man sich damit, sie von anderen Fabriken, z. B. 
von der Bürkschen Kontroliuhrenfabrik, die ja, wie wir wissen, 
Stanzpressen besass, oder Rohwerken von Lenzkirch oder aus 
Frankreich zu beziehen. Eine Förderung empfing die neue In- 

[) So such um diese Zeil: in Baden. >Der Ulirenhändler (im Schwarzwald Packet 
genannt) kauft die einzelnen Bestandteile von den Teilarbeitetn , setzt sie zu- 
sammen und verschickt die also fettige Uht ins Ausland.* {Schall a. a. O. S. 45). 

3) Hubbuch a. a. O. S. 88. 



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- 58 - 

dustrie auch durch die Walchersche Lehrwerkstätte in Ulm, deren 
Leiter schon vor der Gründung der Werkstätte mit Friedrich 
Mauthe in Verbindung getreten war. 

Die Metalluhren, deren Fabrikation auf diese Weise allmäh- 
lich in Schwenningen aufblühte, waren im Gegensatz zu den in 
Schramberg fabrizierten »massive' Uhren. Ursprünglich Hessen 
alle Metalluhren massive Uhren; massiv bedeutete eben, dass die 
Uhr ganz aus Metall, ohne Verwendung von Holz hergestellt 
war; statt massiv trifft man auch den Ausdruck >solid*. 

In diesem Sinne konnten auch diejenigen damals oft auch 
in Schwennii^en und in der übrigen württembergischen Industrie 
hergestellten Uhren als massive gelten, die Hohltriebe hatten und 
aus Gussteilen zusammengesetzt waren, sich also von den eigent- 
lichen Schwarzwälder Uhren nur durch ihre Messinggestelle unter- 
schieden '). 

Später aber wurde die Bezeichnung massiv auf die nach 
Lenzkircher oder, wenn wir weiter zurückgehen, nach französi- 
schem und Wiener Muster fabrizierten Uhren beschränkt. Man 
verstand jetzt unter einer massiven Uhr nur noch eine Uhr mit 
Volltrieben und Voilplatinen, während man als Kenn- 
zeichen der Amerikaner Uhr den Hohltrieb und die durchbrochene 
Platine ansah. Die Schwenninger Fabrikindustrie verlegte sich nun 
auf die Herstellung von Uhren mit Volltrieb und Voilplatinen, 
also von massiven Uhren; dagegen blühte in Schramberg die 
Fabrikation der Amerikaner Uhren. 

Während die Hohltriebe, wie wir schon bemerkten, aus ein- 
zelnen in parallelen Scheibchen befestigten Triebstöcken aus Draht 
bestehen, bilden die Volltriebe kompakte Stahlwalzen, in die Rin- 
nen zum Einfassen der Zähne der Räder eingeschnitten sind. Sie 
gelten als dauerhafter als die Hohltriebe und ihre Verwendung 
nötigt dazu, das ganze Räderwerk auf das Sorgfältigste auszuar- 
beiten, woran es jedoch bei den ersten auf dem Schwarzwald mit 
Volltrieben fabrizierten Uhren vielfach gefehlt haben mag. Die 
Vollplatinen sollen den Vorteil haben, dass sie dem Werk, das, 
wenn es in Gang befindlich ist, infolge der Reibungswiderstände 
das Bestreben hat, sich auszudehnen, stärkeren Widerstand leisten, 
als die durchbrochenen Platinen, nicht so leicht nachgeben und 
verbiegen wie diese. Diese Vorzüge stempelten die massive Uhr 

i) Schottenuhren in Messinggestell erwähnt Schalt a. a, O. S. 21. Für grosse 
24 Stunden-Uhien kommen nach Ihm auch Eisengeslelle vor. 



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— 59 — 

zur »feineren« Uhr. Als solche wird sie auch mit der Graham- 
schen Hemmung ausgerüstet, während bei den Schwarzwälder und 
den gewöhnhchen Amerikaner Uhren die englische Hakenhem- 
mung üblich ist. 

Die Amerikaner Uhrenindustrie, wie sie in Schramberg blühte, 
ging dagegen darauf aus, eine wohl brauchbare, aber doch auch 
möglichst billige Uhr in Massen zu fabrizieren. Sie berührte sich 
in dieser Tendenz mit der alten Schwarzwälder Industrie und 
stimmte mit ihr infolgedessen auch in der Verwendung des Hohl- 
triebes und der Hakenhemmung, bei letzterer wenigstens für ihre 
ordinären Pendeluhren, überein. Die Verwendung der Hohltriebe 
ermöglicht bei dem Räderwerk, auf die feinere Ausarbeitung zu 
verzichten. Die Teile können so verwendet werden, wie sie die 
Maschine liefert; eine weitere Bearbeitung mit der Hand kann 
wegfallen^). Statt der Politur genügt das billigere Beizverfahren. 

Auch in Schwenningen hatte nun also endlich die Entwicke- 
lung einer Fabrikindustrie begonnen; jedoch vollzog sich, wie 
schon hervoi^ehoben, diese Entwickelung allmählich ; es überwog 
in Schwenningen noch lange das Kleinmeistertum. Auch für die 
Herstellung massiver Uhren waren die Schwenninger Fabriken 
nicht in dem Masse geschlossene Etablissements wie die Schram- 
bei^er; auch bei diesem Fabrikationszweig fiel in Schwenningen 
manche Arbeit den Bestandteilmachem und den Hilfsgewer- 
ben zu. 

Nach der 1875 erschienenen Oberamtsbeschreibung waren 

l) Es kann die Frage aufgeworfen werden, ob nicht die Einführung des Voll- 
triebes in der Schwarzwälder Industrie ein Fortschritt sehr zweifelhafter Art war 
und die Industrie nicht besser ganz bei dem alten Hohltrieb geblieben wBre. Dieser 
findet eine enlschiedene Verteidigung in einem 1856 erschienenen Werkchen über 
die englischen Pendeluhren: »Sonderbar genug« — heisst es hier — »ist dieses 
(der Hohl- oder Laternenirieb) sowohl die älteste als die beste Art des Getriebes, 
welches mit der geringsten Reibung wirkt und die wenigste Genauigkeit in den Rä- 
dern erfordert." Und weiter: »Sicherlich ist der Gang der amerikanischen Pendel- 
uhren, welche dergleichen Getriebe haben, auffallend sanft, auch erheischen sie ein 
kleineres Gewicht im Gangwerke, als die englischen Pendeluhren, und es ist ein- 
leuchtend, dass dieses nicht herrühren könne von iigend einer hohen Vollendung 
der Räder und Gelriebe, denn diese Uhren zeichnen sich gerade durch den Mat^jel 
allei solchen Vollendung aus, welche die Unwissenheit der meisten englischen Me- 
chaniker für ein grosses Verdienst eines Uhrwerkes zu halten geneigt ist, obgleich 
hierzu weniger Verstand als zu irgend einem anderen Teile des Werkes gehört. 
Mit den durchbrochenen Platinen wird viel Material erspart , die Herstellung der 
Uhr also weiter verbilligt.! {CA. Schmidt, Die englischen Pendeluhren, 1856.) 



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— 6o — 

ausser loo in 3 Fabriken beschäftigten Personen im ganzen Ober- 
amt Rottweil r66 Uhrmacher mit 97 Gehilfen und 27 Schildmaler mit 
1 s Gehilfen für die Uhrmacherei tätig ; neben Schwenningen waren 
noch Sitz der Industrie im Oberamt die Gemeinden Locherhof 
und Deisshngen. Die Zahl der Meister hatte gegenüber den 50er 
und 60er Jahren durchaus noch nicht abgenommen, vielmehr sich 
noch sehr gehoben. 

Im Jahre 1881 war die Zahl der Fabriken auf 6 gestiegen; 
aber sie beschäftigten zusammen noch nicht mehr als 129 Arbeiter 
und 16 Lehrlinge; das Wachstum der eigentlichen Fabrikindustrie 
war also recht bescheiden. An kleinen Meistern waren in Schwen- 
ningen vorhanden. 

Uhrmacher S4 mit 15 Gesellen und 30 Lehrlingen 

Schildmaler 21 > 28 Arbeitern 

Gestell macher 13 • S ■ 

Ketten macber i > 

Tonfedenn acher 1 • 

Schilddreher 3 • 

Kastenschreiner und Rahmenmacher 7 « 20 » 

Mechaniket i • (• • 

Ausserdem hatte Schwenningen nicht weniger ais 25 Uhren- 
händler, davon 7 mit ständigen Lagern und 3 Gehilfen. 

Die Zahl der kleineren Betriebe hatte in Schwenningen zwar 
schon etwas abgenommen, aber von einem grossindustriellen Ge- 
präge der Schwenninger Uhrenfabrikation war durchaus noch 
nicht die Rede. Bald darauf aber nahmen verschiedene Schwen- 
ninger Fabrikanten Vergrösserungen ihrer Betriebe vor ; die Mehr- 
zahl der »Fabriken« erhielt erst jetzt nach Umfang und Einrich- 
tung einen Charakter, dass wir sie auch heute noch ais Fabriken 
würden gelten lassen können. 

Neben Schwenningen und Schramberg hatte in den 6oer 
Jahren noch Locherhof durch die Zahl seiner Uhrmacher und 
Uhrenhändler einige Bedeutung für die Industrie gehabt. Hier 
aber eilte die Uhrmacherei ihrem Untergang entgegen. Die Zu- 
stände waren in der Gemeinde zu Anfang der 60er Jahre so 
schlimm, dass sich der Zentralw oh Itätigkeits verein veranlasst sah, 
sich der Gemeinde anzunehmen und sich mit der K. Zentralstelle 
und dem Oberamt in Rottweil über die etwa zu ergreifenden 
Massregeln ins Benehmen zu setzen^}. Die Zentralstelle beauf- 
tragte Bürk in Schwenningen, als Sachverständiger die Zustände 

1) Akten der Zentralstelle. 



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— ei- 
tler Uhrenindustrie in Locherhof zu untersuchen. Bürk erstattete 
einen ausführlichen Bericht und schlug die Errichtung einer Filiale 
seiner Lehrwerkstätte in Locherhof vor. Die Zentralstelle hielt 
das für unzweckmässig ; sie glaubte, dass die Industrie in dem 
abgelegenen Orte keine Aussicht habe und dass es deshalb nur 
darauf ankomme, die jungen Locherhofer dadurch, dass man ihnen 
Gelegenheit zur Ausbildung gebe, in den Stand zu setzen, sich 
auswärts eine Existenz zu gründen. Sie hielt es zu diesem Zwecke 
für hinreichend, zur Ausbildung junger Leute in der Bürkschen 
Lehrwerkstätte Beiträge auszusetzen. Von dieser Gelegenheit, 
sich in der Uhrmacherei auszubilden, machten aber die Locherhofer 
keinen Gebrauch und es blieb alles beim Alten. Nach zehn Jah- 
ren wiederholte sich der Vorgang. Ein Unternehmer der nahen 
badischen Brüdergemeinde Königsfeld erklärte sich bereit, in 
Locherhof eine Filiai-Uhrenfabrik zu betreiben, wenn ihm der 
Staat Unterstützung gewähren wollte. In Uebereinstimmung mit 
der Rottweiler Handelskammer lehnte die Zentralstelle eine Unter- 
stützung ab, da sie den Platz wegen seiner Abgelegenheit zum 
Betriebe der modernen Uhrenfabrikation nicht für geeignet hielt; 
sie erbot sich aber wiederum, junge Leute der Gemeinde in der 
Walcherschen Lehrwerkstätte in Ulm unterzubrii^en. Auch dies- 
mal hatte das Angebot keinen Erfolg. So blieb die Uhrmacherei 
in Locherhof ihrem Schicksal überlassen. Ein Teil der Uhrmacher 
fand allmähhch in den Schramberger Fabriken Unterkunft ; ein 
anderer Teil und der Nachwuchs wandten sich der bald darauf durch 
ein Pforzheimer Unternehmen eingeführten Fabrikation silberner 
Ketten zu. 

Auch Deisslingen, das ganze Oberamt Spaichingen mit dem 
-Heuberg* und die zum Oberamt Tuttlingen gehörige »Bart hat- 
ten an der Entwickelung der Industrie keinen Anteil. Die beiden 
= Packeri-Geschäfte in Deisslingen gingen ein, ebenso ein Fabri- 
kationsbetrieb in Gosheim auf dem Heuberg, der eine Zeitlang 
etwas grössere Ausdehnung gewonnen hatte. Die Heuberger 
Uhrmacher verwandelten sich allmählich in Teilarbeiter für die 
Fabriken in Schwenningen und Villingen; ihre Spezialität wurde 
dabei die Räderdreherei. Die Spaichinger Geschäfte bheben un- 
bedeutend. Versuche mit der Fabrikation in Rottweil und in 
Obemdorf schlugen fehl. Dagegen hob sich die Industrie in 
M ü 1 h e i m a. D. im Oberamt Tuttlingen, wohin sie vom Heu- 
berg aus gedrungen war; es entstanden in dieser Gemeinde in 



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_ 62 — 

den 70er Jahren drei Fabriken für die Herstellung massiver Re- 
gulateure. 

Am Ende der Periode, die wir in diesem Abschnitt behan- 
delt haben, zeigt die Industrie folgendes Bild: in Schramberg eine 
energisch vorwärtsstrebende Grossindustrie, durch die der Mutter- 
sitz der württembergischen Uhrenindustrie weit überflügelt worden 
ist; in Schwenningen mehrere zwar noch kleinere, aber ebenfalls 
ausdehnungslustige Fabriken, neben diesen und zum grössten Teil 
für diese arbeitend jedoch noch viele kleinere Meister, in allen 
übrigen Gemeinden ausser in Mülheim Stillstand, Rückschritt oder 
gar vollständiges Erlöschen der Industrie, soweit nicht die Haus- 
industrie zur unselbständigen Heimarbeit wird. 



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Sechster Abschnitt. 

Die Vollendung zur Grossindustrie. 

Bald nach der Mitte der 8oer Jahre fand die Fabrikation 
nach amerikanischem System auch in Schwenningen Eingang. 
Der Siegeslauf der Amerikaner Uhren wurde wesentHch durch die 
Zollverhältnisse begünstigt. Ende der 70er und Anfang der 80er 
Jahre erhöhten nämlich verschiedene Länder ihre Uhrenzölle ; be- 
sonders getroffen wurde der Schwarzwald durch die Erhöhung 
des österreichischen Zolls. Da die Zölle in der Regel nach dem 
Gewicht erhoben werden, wirkt jede Erhöhung zu gunsten der 
leichteren Uhren. Zu diesen gehören aber Amerikaner Uhren, bei 
denen insbesondere die Platinen weniger ins Gewicht fallen als 
bei den massiven Uhren. Durch die Caprivischen Handelsverträge 
verschoben sich dann die Zoll Verhältnisse vielfach noch weiter zu 
gunsten der Amerikaner Uhren, da mehrere Staaten diesen Uhren 
als der ordinären Sorte auch dem Gewichte nach noch niedrigere 
Zölle zugestanden. Das hat den Sieg der Amerikaner Uhr voll- 
enden helfen; heute entfallen wohl '^/ao der Gesamtproduktion 
des württembergischen Schwarzwaldes auf die Fabrikation nach 
amerikanischem System. 

Das Verdienst, die Fabrikation nach diesem System auch in 
Schwenningen eingebürgert zu haben, gebührt wiederum der Firma 
Friedrich Mauthe, die 1886/87 ihre Werkstätten zur Aufnahme 
der Herstellung von Amerikaner Uhren bedeutend erweiterte. Es 
folgte ihr bald die Firma Thomas Haller, 1894 auch die Firma 
Schlenker u. Kienzle. Durch die Aufnahme der Fabrikation nach 
amerikanischem System wurde nun auch der Mutterort der würt- 
tembergischen Uhrenindustrie der Sitz einer Massenfabrikation, 
durch die er in kurzer Zeit dem jüngeren Schramberg in seiner 
Bedeutung für die Uhren Industrie wieder gleichwertig wurde. 

Von den drei Fabriken in Mülheim a, D. blieben zwei zu- 



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- 64 - 

rück und gingen schliesslich ein; nur eine besteht als grösserer 
Mittelbetrieb noch jetzt ; auch sie beschränkt sich nicht mehr a^uf 
die Massivuhrenfabrikation, sondern hat auch die Fabrikation von 
Amerikaner Uhren schon seit längerer Zeit aufgenommen. 

Die hausindustriell betriebene Fabrikation von Schwarz- 
wälder Uhren verlor mehr und mehr an Boden. Um ihren 
Rückgang aufzuhalten, hatte man 1879/80 in Baden den Versuch 
gemacht, für die hauptsächlichsten Sorten »Normaluhren« 
einzuführen, die es den Hausindustriellen ermöglichen sollten, ent- 
sprechend den Wünschen des Handels gleichförmige Fabrikate zu 
liefern und unter sich die Arbeitsteilung noch weiter auszubilden. 
Das ganze Projekt, an dem man auch in Schwenningen grosses 
Interesse zeigte, war aber an finanziellen Schwierigkeiten geschei- 
tert, wie es auch schon in den 50er Jahren bei einem ähnlichen 
Versuche gegangen war. In den 90er Jahren erlosch die altehr- 
würdige Schwarz Wälder Holzuhrenfabrikation in Schwenningen, 
während sie in Baden noch heutigen Tages als KJcinindustrie 
eine Rolle spielt. Sie hat hier an den Giessereien und den Be- 
stand teilf ab riken, die sich aus diesen entwickelt haben, einen fe- 
steren Hait. Das im Jahre 1903 erfolgte Eingehen der alten 
Siedleschen Giesserei und Bestandteilfabrik in Triberg zeigt aber, 
dass auch in Baden die Fabrikation der Schwarzwälder Uhren 
unaufhaltsam zurückgeht. 

Schon im vorigen Abschnitt haben wir berichtet, dass sich 
die früheren Holzuhrenmacher in Zusammensetzer und Bestand- 
teilmacher umgewandelt hatten, dass das Zusammensetzen der 
Uhren dann aber von den Fabrikanten in die eigenen Werkstätten 
verlegt wurde. Die Zusammensetzer verschwanden also bald als 
Hausindustrielle, dagegen haben sich die Bestandteilmacher, so- 
weit sie Bestandteile herstellen, die auch für die Metalluhren ge- 
braucht werden, z. B. Pendelfedern, Zeiger, Paletten u. s. w. bis 
heute erhalten. Soweit sie sich auch ein gewisses Mass von 
Selbständigkeit bewahrt haben, sind sie jetzt der übrigen Hilfs- 
industrie zuzurechnen. Die anderen sind unter der grossen Zahl 
der sich hauptsächlich aus dem weiblichen und dem jugendlichen 
Teil der Bevölkerung rekrutierenden Heimarbeiter verschwunden, 
die sowohl von den Schwenninger wie von den Schramberger 
Fabrikanten lediglich zur Ergänzung der Fahrikarbeit herange- 
zogen werden und mit den früheren kleinen Uhrmachermeistem 
nichts mehr gemein haben. 



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- 65 - 

Bei der starken Ausdehnung der Produktion in und nach der 
Mitte der 80er Jahre konnte es nicht ausbleiben, dass bald auch 
die Preise zu wünschen übrig Hessen, insbesondere gegenüber den 
zeitweise ziemlich hohen Preisen der Rohmaterialien, Als Preis- 
verderber, auch als Lieferanten besonders schlechten Fabrikats 
wurden gerade die kleinen Meister des badischen Schwarzwalds 
angeklagt. Der niedrige Preisstand veranlasste die Fabrikanten 
zu wiederholten Versuchen, ihren Verdienst durch Preisvereinba- 
rungen wieder zu heben. Darauf werden wir noch etwas aus- 
führlicher zu sprechen kommen. 

Die Jahre 1890 — ^2 waren für die Industrie ungünstig. Man 
war zu rasch und in zu grossem Umfange von der Fabrikation 
der Schwarzwälder Uhren zu der Fabrikation von Weckern und 
Regulateuren übergegangen; infolgedessen herrschte an jenen 
Mangel, an diesen aber ein verderblicher Ueberfluss. Die Han- 
delsverträge eröffneten keine neuen Absatzgebiete ; der russische 
Export wurde durch den Zollkrieg fast ganz unterbrochen. Der 
Geschäftsgang gestaltete sich so schlecht, dass in Schwenningen 
zwei allerdings schon seit längerer Zeit auf schwachen Füssen 
stehende Fabriken in Konkurs gerieten. Das Jahr 1893 leitete 
wieder eine längere Blüteperiode ein, an deren Herbeiführung 
jedenfalls auch die von den Handelsverträgen für einen Teil des 
Auslandsabsatzes gebrachte Erleichterung einigen Anteil hatte. 
Aber wiederum entsprach die Höhe der Preise wenig der Leb- 
haftigkeit des Absatzes. Um diese wieder zu heben, verfiel man 
von neuem auf die Errichtung einer Konvention, die aber wie die 
früheren nur kurzen Bestand hatte- Der gute Absatz hatte schon 
vorher zu Betriebserweiterungen angereizt, mit der Auflösung der 
Konvention aber begann für die Industrie erst recht eine Periode 
schneller Ausdehnung. Jeder wollte den anderen überbieten, 
niemand seinen Betrieb an Umfang und Güte der Einrichtung von 
einem Konkurrenten überflügeln lassen. So entfaltete die Indu- 
strie in Schwenningen und Schramberg in den Jahren 1897 — 1900 
eine rege Bautätigkeit. Durch Errichtui^ neuer Fabrikgebäude, 
durch Verbesserung und Erweiterung der maschinellen Einrich- 
tui^ und durch ganz bedeutende Vermehrung der Arbeiterzahl 
wurde die Leistungsfähigkeit und die tatsächliche Produktions- 
menge rasch in ungeahnter Weise gesteigert. Die vermehrte Pro- 
duktion fand zwar immer noch Aufnahme auf dem Markt, aber 
doch nur mit steigenden Schwierigkeiten; man musste den Kun- 

S 



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— 66 — 

den in Preisen und Zahlungsbedingungen immer weiter entgegen- 
kommen. Als im Verlauf des Jahres 1900 die Hochkonjunktur 
in Deutschland anfing, in eine Depression umzuschlagen, machte 
sich das auch bei der Uhrenindustrie in einer weiteren Ver- 
schlechterung der Preise und in stockendem Absatz fühlbar. Die 
Jahre 1901 und 19OZ waren infolgedessen im ganzen ungünstig, 
ohne dass sie jedoch der Industrie eine eigentliche Krisis ge- 
bracht hätten. Im Laufe des Jahres 1903 besserten sich die Ver- 
hältnisse wieder; die Furcht vor ZoUerhöhungen stimulierte den 
Export, insbesondere nach Russland und nach Frankreich. Der 
russische Absatz stockte dann aber wieder mit dem Ausbruch des 
japanischen Krieges, der nach Frankreich in dem Augenblick, in 
dem die Zollerhöhung Tatsache wurde. Im ganzen können je- 
doch die letzten Jahre als eine Zeit guten Absatzes bezeichnet 
werden. 

Wir haben schon erwähnt, dass der Rückgang der Preise zu 
Konventionsversuchen veranlasste. Schon Ende 1885 
begannen Bestrebungen, unter den württembergischen und badi- 
schen Fabrikanten eine Preisvereinbarung zustande zu bringen; 
aber erst Ausgang August 1886 war endlich eine Konvention für 
Regulateure fertig, die bis Ende 1889 bestand. In diesem Jahre 
tauchte in einten Finanzgruppen der Plan auf, sämtliche Fabriken 
anzukaufen und zu einer grossen Gesellschaft zu verschmelzen. 
Das Projekt scheiterte ; dafür errichteten zwölf württembergische 
und badische Regulateurfabrikanten vom i. Januar 1890 ab ein 
gemeinsames Verkaufskontor in Schwenningen. Dieses war aber 
von kurzer Dauer, da die Käufer sich ihm gegenüber zurückhal- 
tend zeigten und einzelne Mitglieder ihre Produktion steigerten, 
statt sie angesichts starker Lagerbestände einzuschränken. Erst 
am I. September 1895 trat wiederum eine Konvention ins Leben, 
die sich diesmal auf alle Amerikaner Uhren erstreckte. Aber ob- 
wohl durch sie das Geschäft zweifellos an Stabilität gewann, war 
auch ihr Wirken kurz. Mitte 1897 trat das grösste Geschäft aus, 
da es sich durch Umgehungen der Konvention seitens einiger 
Milglieder geschädigt glaubte. Eine Weile hielten nun zwar die 
übrigen Fabrikanten ihre Vereinigung noch aufrecht; jedoch war 
der Preisfall und damit auch das schliessliche Ende der Konven- 
tion nicht mehr aufzuhalten. 

Da man mit den Konventionen keine guten Erfahrungen ge- 
macht hatte, versuchte man anfangs 1900 ein radikales Mittel an- 



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- 6; - 

zuwenden ; es sollte das grösste Schramberger Geschäft mit den 
drei Schwenninger Massenuhrenfabriken zu einer Aktiengesell- 
schaft mit 15 Mill. Mk. Kapital vereinigt werden; an diese Ge- 
sellschaft wollte man dann auch die grösseren badischen Fabriken 
angliedern. Der Plan scheiterte aber noch im letzten Augenblick. 
Nur die Vereinigung des grössten Schramberger Geschäfts mit 
einer der Schwenninger Fabriken zu einer Aktiengesellschaft 
mit 6 Mill. Mk. Kapital kam zustande. 

Vom badischen Schwarzwald ausgehende Bemühungen, eine 
Konvention für Holzuhren ins Leben zu rufen, waren für den 
württembergischen Schwarzwald, der solche Uhren nicht mehr 
fabriziert, ohne Interesse. 

Seit 1900 sind fast in jedem Jahre neue Pläne aufgetaucht; 
jedoch ist es erst in den letzten Monaten wieder soweit gekom- 
men, dass ein neuer Zusammenschluss in irgend einer Form in 
den Bereich der Wahrscheinlichkeit gerückt ist. 

Ein Bedürfnis dazu ist zweifellos vorhanden, da die Preise in 
den letzten 20 Jahren tatsächlich in sehr erheblichem Grade ge- 
sunken sind, wie folgende Zusammenstellung der Preise einiger 
Hauptsorten der Amerikaner Werke zeigt: 
Preise der Baby-Wecker; 



1884: 



M. 4.75 



1893.- 
18«: 

1897: Juni 

Deiember 


. 1.80— 2.10 

. 1.80—1,90 


igol: 


. 1.60 — 1.80 


1905: 


• 1.30—1.60 






.889: 
18931 
1895: 

1897: Juni 
• Deiember 


M. 6.80 

• 4.7s 

. 4.60—4.70 

. 4-60-4.70 
. 4.15— 4-35 


1901: 


. 4. 4.20 



! 
M. 670 ' 

• 4-30 

■ 3-60—375 

■ 3-90— 4-— 



. J.4S— 3.— 
Pet-Werke'): 



1905: 



3.60—1.90 



Für die Jocker wurde also 1905 nicht die Hälfte des Preises vor 
20 Jahren erlöst, für die Babywecker sogar nur ein Drittel. Die 
Regulateure wurden mit wenig mehr als der Hälfte bezahlt; für 
die Petwerke ist der Preisfall geringer, aber immerhin bedeutend 

i) Pet-Werke sind kleine tande Marinewerke mit 55 mm Ptatinen-Durchmesaer, 
die grQsstenteils zu Einsteckuhrerf [(Iber diese vgl. Abschnitt 7), aber auch vielfach 
für kleine Standuhren und Wecker verwendet werden. 

s* 



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— 68 — 

gewesen. Dabei ist zu berücksicht^en, dass auch schon in den 
8oer Jahren gegenüber dem Jahrzehnt vorher die Preise zum Teil 
stark zurückgegangen waren. So gab Schott für Anfang der 70er 
Jahre den Preis eines — allerdings massiven — Federzugregula- 
teurwerks auf 10 fl. = Mk. 17.14 an, während 1889 ein solches 
Werk nach Amerikaner System nur noch Mk. 6.30 kostete. 

Ebenso wie die Preise haben auch die Zahlungsbedingungen 
unter der scharfen Konkurrenz gelitten. Konsignations- Sendungen 
sind keine Seltenheit. 

Die Preise des Hauptrohmaterials, des Messingblechs, sind 
zwar zeitweise auch bedeutend heruntergegangen, jedoch nicht in 
demselben Masse wie die Preise der Uhren, und sie sind zudem 
immer wieder auf einen höheren Stand zurückgekehrt. Sie be- 
trugen franko Stuttgart z. B. im Jahre 1904 Mk. 150—165 d. h. 
ungefähr ebensoviel' wie ig Jahre vorher (1889: Mk. 130 — 165). 

Für die Qualität des Fabrikats ist der anhaltende Preisdruck 
eine gewisse Gefahr. Selbst bei rationellster Fabrikation lassen 
sich eben die Herstellungskosten einer soliden Uhr nicht unter 
eine gewisse Grenze herunterdrücken, und Preisherabsetzungen 
unter diese Grenze sind nur möglich bei Verschlechtern!^ des 
Fabrikats. Diese aber muss nach einiger Zeit den Ruf der Schwarz- 
wälder Ijidustrie schwer schädigen und neuer Konkurrenz von 
auswärts die Wege ebnen. Ebenso wie diese Erwägung spricht 
die Rücksicht auf die Arbeiter für eine Preiserhöhung. Wenn 
auch die heftige Konkurrenz der Fabrikanten untereinander es 
verhindert, dass sie sich für den Ausfall am Gewinn, den sie durch 
die niedrigen Preise erleiden, durch gemeinsamen, einheitlichen 
Druck auf die Löhne einen Ersatz zu verschaffen versuchten, so 
liegt es doch auf der Hand, dass die Preisrückgänge auf die Löhne 
keinen guten Einfluss ausüben oder dass ohne sie die Entwicke- 
lung der Löhne weit günstiger verlaufen wäre oder in Zukunft 
würde verlaufen können*). Kein Zweifel kann auch darüber ob- 
walten, dass der Absatz der Uhren durch eine Preiserhöhung, so- 
fern diese in den Grenzen bliebe, die durch das Ziel, eine mas- 
sige Rentabilität des angelegten Kapitals zu ermöglichen, gezogen 
sind, nicht würde beeinträchtigt werden. Sicherlich wird sich nie- 
mand, der eine Uhr zu kaufen wünscht, von dem Kauf durch 
einen Aufschlag von 20 Pfg. abschrecken lassen. Wichtiger wird 



i) Auch Flurstein, >Lohn und Haushalt dert Uhrenfabrikarbeiter des badischen 
Schwarzwalds« erhofft von einem Zusammensehluss Vorteile für die AibeJter. 



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- 69" - 

jedem sein, dass er für sein Geld eine Uhr erhält, die längere 
Zeit zuverlässig geht. Es wäre auch vom Grosshande! ein ener- 
gischer Widerstand nicht zu besorgen ; hat doch dieser mit früheren 
Konventionen ganz gute Erfahrungen gemacht. So berichtete die 
Handelskammer Leipzig 1895; ^^^ durch die damalige Konven- 
tion eingeführte Preiserhöhung sei von der Kundschaft fast ohne 
Widerspruch ai^enommen worden, das Geschäft sei trotz der 
höheren Preise mindestens gleich lebhaft gewesen wie im Jahre 
vorher ; allem Anscheine nach werde die Konvention dem allge- 
meinen Geschäfte zum Vorteil gereichen. Die fortgesetzte Preis- 
drückerei schädige auch den Handel. Hinsichtlich des Exports 
sind überdies die grossen Uhrenfabriken vom deutschen Gross- 
handel unabhängig. 

Nun steht allerdings die Schwarzwälder Uhrenindustrie nicht 
allein in der Welt. In Deutschland kommt neben ihr zwar nur 
die schlesische Regulateur- Industrie in Betracht, die mit dem 
Schwarzwald in den letzten Jahren in vielfache engere Beziehun- 
gen getreten ist. Aber im Ausland finden wir einige bedeuten- 
dere Uhrentndustrien , vor allem in den Vereinigten Staaten von 
Amerika und in Frankreich. Jedoch auch diesen gegenüber ist 
die Uebcrlegenheit des Schwarzwalds 80 gross , dass aus einer 
massigen Preiserhöhung eine Gefahr nicht entspringen kann. Dass 
die Ausland-Konkurrenz auf den deutschen Markt einbrechen wird, 
daran ist bei den hohen deutschen Zöllen auf vollständige Uhren 
und auf Werke nicht zu denken, es sei denn, dass es zu unsinni- 
gen Preistreibereien käme. Die Frage ist höchstens, ob nicht der 
Absatz in die Länder, in denen die fremden Uhrenindustrien ihren 
Sitz haben, und noch in dem einen oder anderen Gebiete, in dem 
mit diesen Industrien eine Konkurrenz besteht, Not leiden könnte. 
Diese Gefahr ist wohl als sehr gering anzuschlagen. 

Weit ernster zu nehmen ist unseres Erachtens die schon 
vorhin erwähnte Gefahr , dass bei Fortdauer der jetzigen Preis- 
drückerei sich die Erzeugnisse des Schwarzwaldes verschlechtem 
und dass gerade damit das Aufkommen einer auswärt^en Kon- 
kurrenz erleichtert wird. Es ist ja natürlich , dass der einzelne 
Fabrikant darnach strebt, das, was ihm am Gewinn am einzelnen 
Stück verloren geht, durch eine Steigerung in der Menge seiner 
Produktion und seines Verkaufs wieder einzubringen , und dass 
bei dieser Jagd nach Steigerung der Produktion die Rücksicht 
auf die Güte des Produkts leicht zu kurz kommen kann. Steyrer 



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— 70 — 

erzählt aus den Anfängen der Industrie, wie man einem jüngeren 
Schwarzwälder von der Erlernung der Uhrmacherei abgeraten 
habe mit der Warnung, »die Uhren würden nicht immerdar ab- 
gehen, weil sie schier ewig dauern.« Die Zeiten, in denen Be- 
fürchtungen für den Fortgang des Absatzes aus der langen Le- 
bensdauer der Uhren geschöpft werden konnten, liegen nun leider 
schon weit hinter uns. 

Der Vorgang in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann 
sich wiederholen. Damals Hess man sich lange durch die immernoch 
fortschreitende Steigerung des Absatzes über die innere Erkran- 
kung der Industrie hinwegtäuschen. Es ist jetzt in gewisser Be- 
ziehung auch leichter als früher , dass eine neue Konkurrenz in 
einem anderen Teile Deutschlands oder im Ausland entsteht. 
Denn man braucht dazu nicht mehr wie früher gleich ein halbes 
Dutzend Gewerbe ins Leben zu rufen. Gibt es auch jetzt noch 
eine Reihe von Hilfsindustrien, so tritt ihre Bedeutung doch ge- 
genüber der Hauptindustrie zurück und es kann jetzt eine Uhren- 
fabrik das , was sie an einzelnen Teilen nicht selber fabriziert, 
leicht auch aus weiter Entfernung beziehen. 

Gewichtige Momente sprechen also für einen Zusammenschluss, 
manche Momente sind geeignet, ihn zu erleichtern. Wie kommt 
es, dass trotz alledem ein dauernder Zusammenschluss bisher nicht 
möglich gewesen ist? 

Die Ursachen sind mannigfaltig. Hält es schon in anderen 
Industrierevieren schwer, die einzelnen Industriellen zum Verzicht 
auf ihre Selbständigkeit zu bewegen, soweit ein solcher Verzicht 
die Voraussetzung des Zusammenschlusses ist , so erst recht auf 
dem Schwarzwald, dessen Söhne ein vollgerüttelt Mass von Un- 
abhängigkeitsdrang von ihren Vätern überkommen haben. Dazu 
kommen noch persönliche Gegensätze zwischen den ausschlag- 
gebenden Männern, über die selbst die klarste Erkenntnis , dass 
eine Einigung notwendig ist, oft nicht hinweghilft. 

Auch sachliche Schwierigkeiten allein sind schon so gross, 
dass die mehrmaligen Misserfolge begreiflich erscheinen. Sie be- 
stehen in der ausserordenUichen Mannigfaltigkeit der Fabrikate 
und in der grossen Ausdehnung des Exports. Dass die Erstrek- 
kung des Absatzes auf fast jeden Erdenwinkel die Festsetzung 
einheitlicher Verkaufsbedingungen und die Kontrolle über ihre 
Innehattung erschwert, ist selbstverständlich. Was die Mannig- 
faltigkeit des Fabrikats angeht, so sei daran erinnert, dass die In- 



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dustrie einschliesslich der badischen drei verschiedene Gattun- 
gen Werke produziert, nämlich Amerikaner, massive und Werke 
in Holzgestell. Innerhalb dieser drei Hauptgattungen aber dif- 
ferieren die Werke je nach der Uhrensorte, für die sie bestimmt 
sind. Auch bestehen zwischen den Fabrikaten der einzelnen Fa- 
briken erhebliche Qualitätsunterschiede. Würden sich auch noch 
die Werke auf einzelne Typen beschränken und sich auch die 
hauptsächlichsten Qualitätsunterschiede berücksichtigen lassen, wie 
dies bei früheren Konventionen auch geschehen ist , so ist dies 
doch unmöglich für die Gehäuse, deren Ausstattung unzählige 
Variationen zulässt. 

Man wird einwenden, dass die Konvention sich eben auf die 
hauptsächlichsten Sorten beschränken müsse. Eine solche Be- 
schränkung muss aber notwendig den Todeskeim in die Vereini- 
gung hineintragen. Denn sie reizt die Fabrikanten dazu an, ihre 
Abnehmer für die höheren Preise bei den durch die Konvention 
erfassten Uhren durch um so niedrigere Preise bei den konven- 
tionsfreien Uhren zu entschädigen. 

Würde es nun auch gelingen, eine Preisvereinbarung für alle 
Fabrikate zustande zu bringen, und würde diese auch von allen 
Fabrikanten strikt innegehalten werden , so würde die Konven- 
tion doch auf die Dauer nur dann lebensfähig sein , wenn sie 
Mittel hätte , einer zu grossen Ausdehnung der Produktion zu 
steuern. Einer Kontingentierung der Produktion steht aber wie- 
der die Mannigfaltigkeit der Fabrikate im Wege. Die Fabriken 
lassen sich wohl kaum auf ihre Produktionsfähigkeit für jede ein- 
zelne Uhrensorte schematisch einschätzen. Es ist auch nicht mög- 
lich, den Marktbedarf vorauszusehen und darnach im voraus zu 
bestimmen, von dieser Uhrensorte darf so viel, von jener so viel 
fabriziert werden. Dieselben Gründe sind es, die die Errichtung 
eines mit der Befugnis der Verteilung der Aufträge an die einzel- 
nen Fabriken eingerichteten Verkaufs-Syndikats vereiteln müssen ; 
denn die Voraussetzung eines solchen Syndikats wäre die Ein- 
schätzung der Fabriken nach ihrer Produktionsfähigkeit. 

Die Kontingentierung könnte wohl nur eine Kontingentierung 
der Gesamtproduktion jeder Fabrik nach ihrem Werte auf Grund- 
lage des in früheren Jahren erreichten Wertbetrages der Produk- 
tion sein. Eine solch summarische Kontingentierung wird aber in 
ihrem Erfolg zweifelhaft sein. 



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— 72 — 

Auch die Bildung eines Trusts nach Art älterer^) ameri- 
kanischer Muster mit Vertrauensmännern (Trustees) an der Spitze 
ist schon vorgeschlagen worden^). Diese Form hat sich bei un- 
seren Rechtsverhältnissen bisher in Deutschland nirgends einbür- 
gern können, wird also wohl auch für die Uhrenindustrie nicht 
in Betracht kommen. 

Eine Abgrenzung der Produktion etwa nach den Hauptuhren- 
sorten oder des Absatzes nach Ländern ist bei der heutigen Ge- 
stalt der Industrie und des Handels ebenfalls ausgeschlossen. Eine 
grössere Spezialisierung der Fabrikation, die ja auch eine der 
starken Seiten der alten Holzuhrenindustrie bildete, würden wir 
allerdings für recht zweckmässig halten. 

Ausser einer Fusion scheint kein anderer Weg übrig zu blei- 
ben als die Schaffung einer Interessengemeinschaft, bei der sich 
die Fabrikanten gegenseitig an ihrem Gewinn beteiligen. Eine 
Form dafür zu finden , wird aber , insbesondere so lange noch 
mehrere grosse Fabriken in Privathänden sind, ausserordentlich 
schwer sein. 

Einfacher und sicherer in seiner Wirkung wäre natürlich eine 
Verschmelzung aller Fabriken zu einer Aktiengesellschaft. Bei den 
obwaltenden Verhältnissen ist aber nicht zu erwarten, dass eine 
solche Vereinigui^ aus der Industrie heraus zustande kommt. 

Welche Schwierigkeiten aber auch dem Zusammenschluss 
entgegenstehen, dass er erfolgt, ist nur noch eine Frage der Zeit. 
Erst mit ihm wird die Entwickelung der Uhrenindustrie zu einem 
vorläufigen Abschluss gekommen sein. Blicken wir zurück auf 
die Bahn, die die Industrie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 
durchschritten hat. Damais bestand sie aus einer Schar kleiner 
Meister, die, in der Technik entweder eigensinnig an dem alten 
Herkommen klebend oder, soweit sie vorwärts strebten, ohne die 
Mittel, ihre Arbeitsstätten mit den nötigen Werkzeugen und Ma- 
schinen auszurüsten, in eine Reihe von Teilgewerben zersplittert, 
deren Abhängigkeit von einander dem einzelnen jeden Fortschritt 
erschwerte, mit mangelhafter Organisation für den Absatz, ratlos 
den Forderungen der neuen Zeit gegenüberstanden. Dem Ein- 
greifen des Staates war, wenn es auch zweifellos dazu beitrug, 
die Industrie für eine neue Entwickelung vorzubereiten, doch kein 

1) Die modemeu ametiknaischen Trusts sind weiter nichts wie grosse Aktien- 
gesellschaften. 

2) Deutsche Uhrmacherieitung 1903, S. 85. 



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— 73 — 

unmittelbarer Erfolg beschieden. Erst nach vielen fruchtlosen 
Bemühungen kam die Industrie auf den Weg, der sie zu ihrer 
heutigen Höhe führen sollte. Die entscheidende Wendung ging 
von einem einzelnen Manne aus , der nicht einmal der Industrie 
angehörte, von Erhard Junghans. Die Intelligenz und der Wage- 
mut dieses Mannes schufen ein Unternehmen, dessen Erfolg auch 
ermutigend auf die anderen wirken musste. Während in Schram- 
berg die neue Fabrik-Industrie mit einem Schlage entstand , hat 
sie in Schwenningen längere Zeit zur vollen Entwickelung ge- 
braucht. Die Ersetzung des Kleinmeistertums durch die Fabriken 
hat natürlich die Selbständigkeit vieler vernichtet und es hat sich 
der Uebergang von der alten Form der Industrie zu der neuen 
nicht ohne unerfreuliche Begleiterscheinungen vollzogen. Die Zahl 
der Betriebe und das Gebiet, über das sich die Industrie erstreckt, 
sind kleiner , die Zahl der Personen aber , denen sie Arbeit und 
Verdienst gibt, und die Zahl der Uhren, die sie alljährlich nach 
allen Teilen der Erde sendet, sind grösser und grösser, die Uhren- 
industrie des württembergischen Schwarzwaldes ist zu einer Gross- 
industrie geworden'). 

t) In det Hauptsache [rifft dies auch für die badische Industrie zu. Immet 
noch aber figuriert die Schwaizwälder Uhienindusttie in der öffentlichen Meinung 
als kämmeiliche Hausindustrie, eine Vorstellung, der 2. B. Hubtr noch im Jahte 
1901 in seinem Werk: >Deutschland als Industriestaat* dadurch Vorschub leistete, 
dass er die Uhrenindusttie in dem Abschnitt • Ex portindusti teile Heimarbeit' behan- 
delte, obgleich er selber anerkennen muss, dass sie dahin nur nach ihrer geschicht- 
lichen Entwicklung noch gehört. 



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Siebenter Abschnitt. 

Wandlungen im Gegenstand der Fabrikation. 

Wir haben, um die Darstellung der Entwickelung der Uhrenin- 
dustrie in ihrem Gang nicht aufzuhalten, bisher im wesentlichen nur 
von den Wandlungen in der Fabrikations weise gesprochen, 
die Wandlungen in Beschaffenheit und Form der Fabrikate 
der Schwarzwälder Uhrenindustrie dagegen nur soweit berühren 
können , als sie unmittelbar mit ersterer zusammenhängen. Um 
ein vollständiges Bild von der Entwickelung zu erhalten , müssen 
wir uns nun mit letzteren noch etwas eingehender beschäftigen. 

Sehen wir von den eine Sonderstellung einnehmenden Kon- 
trolluhren ab, so haben wir bisher drei Typen der im Schwarz- 
wald hergestellten Uhren kennen gelernt, nämlich die eigentliche 
Schwarzwälder Uhr, die massive Uhr und die Amerikaner Uhr. 

Die Schwarzwälder Uhr ist ursprünglich eine Hänge- 
oder Wanduhr mit Holzgestell und freischwingendem Pendel. Die 
Regel ist Gewichtantrieb. Neben ihm fand Ende der 30er 
Jahre des vorigen Jahrhunderts der schon in den Anfängen der 
Industrie zur Anwendung, dann aber ausser Uebung gekommene 
Federzug wieder allgemeine Aufnahme'), In Schwenningen 
wurde die erste Federzuguhr von Georg Haller im Jahre 1843 
hergestellt '). Bei den Uhren dieser Art — man nannte sie Stock- 
uhren — wurden dann mehr und mehr die Holzgesteile durch 
Messingplatinen verdrängt. Die Anwendung der Zugfeder ermög- 
lichte es, den Stockuhren die Form kurzer Stand- , Stutz- oder 
Tischuhren zu geben, eine Form , die bei dem einen grösseren 
Raum beanspruchenden Gewichtantrieb ausgeschlossen ist. 

Die Einführung der Tonfeder an Stelle der Glocke in den 
30er Jahren haben wir schon früher erwähnt. Allgemein wurden 

1) Scholl a. a. O. S. 17. 2) Bürk a. a, O. S. lo. 



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- 75 — 

diese Federn bei den Regulateuren angewandt. Eine besondere 
Art bilden die neuerdings in Aufnahme gekommenen volltönen- 
den Gongfedern, 

Das Streben nach Verfeinerung des Fabrikats führte weiter 
bei den besseren Uhren zur Verdrängung der bemalten Holz-, 
Blech- und Glasschilde durch Zifferblätter aus Email und 
durch Porzellanschilde sowie zur Ausrüstung der Uhr mit einem 
besonderen Holzkasten. Ursprünglich war nämlich das Schild 
gewissermassen das einzige Gewandstück der Uhr , da auf den 
Seiten das Holzgestell nur mit einfachen Brettchen geschlossen 
wurde. Oben und unten wird bei der Holzuhr alten Stils das 
Werk schon genügend durch das Gestell gedeckt; denn dieses 
besteht nicht wie bei den Metalluhren nur aus Vorder- und Hinter- 
wand und den beide verbindenden Pfeilern, sondern es bildet 
das Gestell einen nur nach den Seiten ofifenen Kasten. Wir fin- 
den deshalb auch für die Gestellmacher öfters die Bezeichnung 
Kasten- oder Gehäusmacher. Nunmehr erhielten aber die Werke 
der feineren Uhren noch besondere Kasten oder Gehäuse, deren 
Form und Ausstattung auf die verschiedenste Weise gestaltet 
werden konnte. Auf die äussere Verfeinerung der Schwarzwäl- 
der Uhr legte man besonders im badischen Schwarzwald grosses 
Gewicht; die badische Regierung gründete in Furtwangen neben 
der Uhrmacherschule noch eine besondere Schnitzerei-Schule, die 
darauf hinwirkte , dass die Schwarzwälder Uhren in ihrem Ge- 
wände auch dem feineren Geschmack gerecht wurden. In Würt- 
temberg Hess die Zentralstelle, wie wir schon an anderer Stelle 
berichteten, wenigstens einen jungen Schwenninger, namens Jauch, 
in Stuttgart auf der Kunstschule ausbilden und ihn dann in der 
Fortbildungsschule seiner Heimatgemeinde an Lehrlinge der Schild- 
malerej Unterricht erteilen. 

Die äusseren Formen der Schwarzwälder Uhr, die Hängeuhr 
mit freischwingendem Pendel und die kurze Stand-, Stutz- oder 
Tischuhr, treffen wir dann auch bei der Massiv- und Amerikaner- 
Uhren-Fabrikation , die Hängeuhren besonders als Rahmen- 
uhren, d. h. Uhren, deren Vorderseite von einem mehr oder 
minder umfangreichen Rahmen umgeben ist. Ausserdem erhielt 
aber durch die Fabrikation nach dem neuen System der Schwarz- 
wald auch einige weitere, für ihn neue Uhren-Sorten, deren Eigen- 
tümlichkeiten teils nur in ihrer äusseren Form, teils aber auch in 
der Beschaffenheit des Werkes bestehen. 



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- 76 - 

Die ersten Fabrikate der Amerikaner-Uhrenindustrie in Schram- 
berg waren, wie wir schon wissen, die sog. Schiffsuhren,' 
Uhren mit Zugfederantrieb, Regulierung mit Spiralfeder (Unruhe), 
wodurch sie in allen Lagen gingen , Ankerhemmung und acht- 
eckigem Hängekasten aus Holz. 

Die eigentliche Pariser Uhr, die P e n d u 1 e mit Bronze- oder 
Zinkgussgehäuse, ist im württembergischen Schwarzwald nie hei- 
misch geworden, während sie von den badischen Massiv-Uhren- 
Fabriken, insbesondere von der Lenzkircher, eine Zeit lang in 
grösseren Mengen auf den Markt gebracht wurde. Das schliesst 
natürlich nicht aus, dass in der Zeit, als die Pendulen besonders 
Mode waren, viele württembergische Werke von den auswärtigen 
Grosshändlern in Pendule-Gehäuse fremden Ursprungs eingesetzt 
und so in den Kleinhandel oder zum Export gebracht wurden. 
Solche Gehäuse lieferten ausser Frankreich bald auch Berliner 
und Leipziger Fabrikanten. 

Eine weit grössere Bedeutung hat der Regulateur für 
die Schwarzwälder Uhrenindustrie erlangt und zwar zuerst für die 
Massiv-Uhren- dann auch für die Amerikaner-Uhrenfabrikation. 

Der Regulateur ist eine Pendel - Uhr mit Metailplatinen in 
länglichen, den Pendel einschliess enden Hänge-Kasten. Sein Name 
soll jedenfalls eine Uhr mit besonders genauem Gang bezeichnen. 
Dieser wurde früher ausser durch den Grahamgang noch durch 
das Kompensationspendel verbürgt, das aber bei den heutigen 
gewöhnlichen Regulateuren entweder einem einfachen Metall- oder 
Holzpendel oder einem Pendel mit Scheinkompensation Platz ge- 
macht hat. Seinen Ursprung hat der Regulateur in Wien. Er 
wurde hier ausschliesslich als Gewichtuhr hergestellt, während ihn 
der Schwarzwald dann auch zur Federzuguhr gestaltete '). Durch 
seine Billigkeit wurde der Federzug-Regulateur der vorherrschende 
Massenartikel. 

In den Jahresberichten der Handelskammer Rottweil taucht 
der Regulateur als Schwenninger Fabrikat zum ersten Male im 
Jahre 1876 auf. Als Federzuguhr war er dann längere Zeit Haupt- 

1) Nach ScAotl a. a. O. S. 25 verdnnkt der Schwarzwald die Einführung der 
Regulatenre dem Uhrmacher und Fachschul lehret Lorenz Bob in Furrwangen , der 
dazu durch die Milnchener Ausstellung im jähre 1854 angeregt wurde. Es war dann 
die Fabrik in Lenzkirch, die neben der Herstellung von Pendulen auch die der Re- 
gulateure aufnahm. Die Zugfeder kam nach Schall zuerst bei den Miniatur-Re- 
gulateuren in Anwendung. 



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— 77 — 

Artikel der Schwenninger Fabriken, ebenso der Fabriken in Mühl- 
heim a. D. In grossen Mengen wurde er aber auch schon da- 
mals von den Schramberger Fabriken nach Amerikaner System 

hergestellt. 

Die Fabrikation von massiven Gewicht-Regulateu- 
ren wurde besonders durch die Walcher'sche Lehrwerkstätte in 
Ulm gefördert. In Schwenningen entstand Ende der 70er Jahre 
ein Betrieb , der sich die Fabrikation dieser Art von Regulateu- 
ren zur Spezialität machte. 

Durch den Konkurrenzkampf wurden die Preise der Regu- 
lateure mehr und mehr herabgedrückt; Industrie und Handel 
suchten deshalb nach neuen Formen , an denen sich noch eher 
etwas verdienen liess. Man schuf in den 90er Jahren Hängeuhren 
mit langen das Pendel einschliessenden, jedoch vom offenen Holz- 
kasten, stilisierte auch die Holzkasten der Hängeuhren mit frei- 
schwingendem Pendel in mannigfacher Weise , brachte die gros- 
sen auf dem Boden des Zimmers aufzustellenden Standuhren, die 
sogenannten Dielenuhren in Mode und wandte sich eine Zeit 
lang auch wieder den französischen Pendulen mit Bronze- und 
Zinkgussgehäusen zu. Nach der Pariser Weltausstellung von 1900 
machte sich natürlich auch der Jugendstil geltend. Bedauerlich 
ist es, dass in kostbaren und anspruchsvollen Gehäusen oft ganz 
ordinäre Werke sitzen, deren Wert in krassem Miss Verhältnis zu 
dem Wert ihres äusseren Gewandes steht, eine Verirrung, die wir 
aber schon vor Jahrzehnten auch bei den französischen Uhren 
finden und für die ausser dem Publikum mehr der Handel als 
die Industrie verantwortlich ist , da ersterer Werk und Gehäuse 
vielfach getrennt bezieht. 

In noch höherem Masse als der Regulateur wurde die W ecker- 
uhr zum Massenfabrikat des Schwarzwalds. 

Uhren mit Weckervorrichtung hatte zwar auch schon die alte 
Schwarzwälder Holzuhren-Industrie geliefert. In ihrer modernen 
Form als kleine Zugfeder-Standuhr in Messing- oder vernickeltem 
Zinkblech-Gehäuse stammt sie aber aus der französischen und 
amerikanischen Industrie. Nachahmung französischer Fabrikate 
ist der massive Reisewecker mit Pendelgang. Diese Uhr 
ist aber mehr und mehr von dem billigeren Amerikaner 
Wecker, der eine Unruh-Uhr ist, verdrängt worden. Die Fa- 
brikation der Amerikaner Wecker ist jetzt die besondere Domäne 
des württembergischen Schwarzwaldes. Vor allem erwarben sich 



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auf diesem Gebiete die Fabrikate der Firma Gebr. Junghans in 
Schramberg bald einen guten Ruf im Gross- und Kleinhandel. 
Als Schwenningen Mitte der 8oer Jahre die Fabrikation von 
Amerikaner Uhren aufnahm, warf es sich ebenfalls vorzi^sweise 
auf die Hersteilung von Weckern. 

Endlich sind noch zu erwähnen die Einsteckwerke. Es 
sind dies kleine taschenuhrähnliche Werke, die bestimmt sind, mit 
allen möglichen Gebrauchs- und Zierartikeln der Galanteriewaren- 
branche vereinigt zu werden. 

Zwischen den Amerikaner und den massiven Uhren ^) hat 
sich mit der Zeit eine Annäherung hinsichtlich der Qualität und 
des Preises vollzogen. Die stete Verbesserung der Maschinen 
und die fortschreitende Ausdehnung der Maschinenarbeit auf 
Kosten der Handarbeit haben bewirkt, dass die Amerikaner Uh- 
ren sich wesentlich vervollkommnet , die massiven Uhren sich 
wesentlich verbilligt haben. Neuerdings kommen auch viele Ame- 
rikaner Uhren mit Vollplatinen und umgekehrt viele massive Uh- 
ren mit durchbrochenen Platinen auf den Markt. Das Unterschei- 
dende liegt daher eigentlich nur noch in den Trieben, für deren 
Qualität aber nicht nur die Form, ob Hohl- oder Volltrieb, son- 
dern auch die Beschaffenheit des verwendeten Stahls, ob dieser 
gehärtet oder weich ist, in Betracht kommt. 

Eine besondere Stellung nimmt die von Jobs. Bürk in den 
50er Jahren in Schwenningen eingeführte Kontrolluhren- 
Fabrikation ein. Bei dieser handelt es sich um die Fabrikation 
von Präzisionswerken, die weder. vom Markt in grossen Massen 
verlangt, noch auch so bilhg im grossen mit Maschinen herge- 
stellt werden können wie die Werke der gewöhnlichen Wand- 
und Standuhren. Die »gelernte« Arbeit- des ausgebildeten Fein- 
mechanikers spielt hier eine grosse Rolle. Neben der Bürkschen 
Fabrik bestehen jetzt in Schwenningen für die Herstellung von 
Kontroll- und anderen Präzisionsuhren und Laufwerken drei wei- 
tere Betriebe, von denen der eine grösseren Umfang besitzt. 

Die Fabrikation von Turmuhren, die die Bürksche Fabrik 
in den 80er Jahren begonnen hatte, wurde bald wieder eingestellt. 
Ebenso ist bis jetzt die Herstellung elektrischer Uhren kaum 
über Versuche hinausgekommen. 

Dagegen ist seit einigen Jahren im Schwarzwald auch die 

l) Die massiven Uhren rühren jetzt aucli manchmal die Bezeichnung: Uhren 
nach deutschem System. 



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Taschenuhren-Fabrikation heimisch geworden. Versuche zu 
dieser Fabrikation wurden schon in den Anfängen der Industrie 
gemacht. Steyrer erwähnt als Erzeugnisse des Schwarzwalds ganz 
hölzerne Sackuhren , die — jedenfalls als Kuriositäten — - hoch 
bezahlt wurden, das Stück mit 3 Louisdor. Jäck zähh mehrere 
Taschenuhrmacher auf^). In der Mitte des 18. Jahrhunderts ver- 
suchte die badische Regierung, diesen Industriezweig zusammen 
mit der Bijouterie in Pforzheim durch Franzosen und Schweizer 
einzubürgern *). Ein Jahrhundert später gehörte die Einführung 
der Taschenuhrmacherei zum Programm der neu gegründeten 
Fachschule in Furtwangen. Zu dem gleichen Zwecke bildete sich 
damals — 1850 — eine gemeinnützige Aktiengesellschaft mit 
1 5 000 fl. Kapital. Trotz anfänglich guter Erfolge ging aber das 
Unternehmen bald ein. Vergeblich waren auch die Versuche, 
die in Württemberg , namentlich im Oberland in der Nähe des 
Bodensees, wo sich schon seit längerer Zeit viele Uhrmacher mit 
der Montage und Finissage von Taschenuhren für Schweizer 
Händler befasst hatten, gemacht wurden. Die Zentralstelle gab 
die Unterstützung dieser Versuche auf, nachdem sie sich über- 
zeugt hatte , dass man wegen der weilgehenden Arbeitsteilung 
gleichzeitig eine grosse Zahl Werkstätten hätte gründen müssen, 
was unmöglich erschien*). 

Nunmehr aber scheint der Bann, der bisher die süddeutsche 
Uhren Industrie auf die Herstellung von Wand- und Standuhren 
beschränkte, gebrochen zu sein. Es ist die frühere Firma Tho- 
mas Haller in Schwenningen, jetzt Zweiggeschäft der Vereinigten 
Uhrenfabriken, A.-G. , der das Verdienst gebührt, die Industrie 
mit der Taschenuhrmacherei um einen neuen Zweig bereichert zu 
haben, der noch grosser Entwicklung fähig ist. Gegenstand der 
schon jetzt in recht beträchtlichem Umfange betriebenen Fabri- 
kation ist eine billige Nickeiuhr , die in ihrer Konstruktion und 
ihrer Herstellungsart gewiss ermassen eine Uebersetzung der Ameri- 
kaner Uhr aus dem Wecker in die Taschenuhr ist. Auch eine 
vor einigen Jahren in Schwenningen neu entstandene Fabrik hat 
die Herstellung solcher Uhren begonnen. 

i) Nämlich Maktrius Hummel, Gmde. Waldau um 1750, Ctispin Kern in Schön- 
wald um 1770, Johann Dod ebendaselbst um die Zeit, als Jäck schrieb (1812). 
A. a. O. S. 33. 

2) Gothein a. s. O. S. 793. 

3) Vhchir a. a. O. S. 432. 



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— 8o — 

Im badischen Schwarzwald hat die Taschenuhrmache- 
rei seit der Mitte der 90er Jahre in Triberg an Boden gewonnen '). 
Auch hier werden billige Uhren nach Amerikaner Art hergestellt. 

Ebenfalls billige Taschenuhren liefert in grossen Mengen eine 
Fabrik in Ruhia in Thüringen. 

Dass Deutschland seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts 
in Glashütte im Königreich Sachsen auch eine Taschenuhren- 
Industrie besitzt, deren Erzeugnisse sich durch ihre Qualität aus- 
zeichnen, ist bekannt. Weniger verbreitet wird die Kenntnis da- 
von sein, dass in den letzten Jahren im südlichen Elsass eine 
ausgedehntere Fabrikation von Taschenuhren infolge der Zollver- 
hältnisse durch Schweizer Unternehmer entstanden ist'). 

Die Einführung der Fabrikation von Taschenuhren in Silber- 
berg i. Schi, in den 60er Jahren misslang. 

i) Miidinger, Die Grossindustrie im Grossherioglum Baden, S. 16. 

2) Der Jahresbericht der Hacdelskamnier Leipzig für 1905 bemerkt: »Unsere 
junge Tascheniihrenindustrie im Klsass und i|n Schwarzwald wuchst in erfreulicher 
Weise, auch Ruhla sucht durch einige bessere Sorten seinen Ruf zu heben.' 



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Achter Abschnitt. 
Die Hilfsgewerbe. 

Im zweiten Abschnitt dieses Teils haben wir als Hilfsge- 
werbe der alten Schwarzwälder Uhrenindustrie kennen gelernt die 
Gewerbe der Gestellmacher, der Giesser, der Tonfedermacher, 
der Räderdreher, der Kettenmacher, der Schilddreher und der 
Schildmaler. Von ihnen fehlten jedoch im württembergischen 
Schwarzwald die Giesser, die Tonfedermacher und die Räderdreher. 
DerUebergai^ derlndustrie vom Kleinmeistertum zum Fabriksystem 
und die verschiedenen Wandlui^en in der Fabrikationsweise , in 
der Beschaffenheit und in der Form der Fabrikate haben natür- 
lich auch für die Hilfsgewerbe einschneidende Veränderungen zur 
Folge gehabt. Manche Zweige sind ganz eingegangen oder sehr 
zusammengeschrumpft, andere dagegen neu hinzugekommen. 

Die Gestellmacher, Kettenmacher und Schild- 
dreher sind mit dem Erlöschen der Fabrikation der alten Holz- 
uhren im württembei^ischen Schwarzwald verschwunden ; vielleicht 
dass Gestelle noch von dem einen oder anderen Meister in der Bar 
angefertigt werden. Die Glöcklersche Gestellmacherei in Thuningen 
blühte zwar noch in der ersten Hälfte der 70er Jahre und lieferte 
viel nach Baden; dann aber bekam sie von dorther scharfe Kon- 
kurrenz, die sie schliesslich nötigte, den Betrieb einzustellen. Von 
den Schildmalern fehlen jetzt die Holz- und die Blechschild- 
maler ; im übrigen sind in Schwenningen noch 4 Meister tätig, 
von denen einer die Glasschildmalerei in etwas umfangreicherer 
Weise betreibt. 

Für die gewöhnlicheren Uhren sind die bedruckten Blech- 
und Papierzifferblätter aufgekommen. Zum Teil werden sie von 
den Fabriken selber hergestellt, zum Teil von Druckereien be- 
zogen, zu einem Teil aber auch von selbständigen Lithographen, 
die speziell für die Uhrenindustrie arbeiten, dieser geliefert. Doch 



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— 82 — 

handelt es sich hier nur um wenige kleine Meister (in Schwen- 
ningen einer, in Schramberg keiner). Für die besseren Uhren, 
insbesondere die Regulateure, wurden Zifferblätter aus Email 
die Regel. Deren Fabrikation hat sich zu einem bedeutenderen 
Industriezweig entwickelt. Die ersten Zifferblätter dieser Art ka- 
men aus Paris und Wien. Im Schwarzwald wurden sie zuerst 
Ende der 30er Jahre von Gebrüder Schultheiss in St. Georgen 
hergestellt '). Schon einige Jahre später wurden auch in Württem- 
bei^ und zwar in Fluom, O.A. Oberndorf, von einem früheren 
Arbeiter des Schultheissschen Emaillierwerks Versuche gemacht ; 
sie führten aber trotz staatlicher Förderung nicht zum Ziel. Glück- 
licher war dann Christoph Schweizer, seines Zeichens ursprüng- 
lich ein Gipser; auf seinen Geschäftsreisen oft in den badischen 
Schwarzwald kommend, erkannte er die grosse Entwickelungs- 
fähigkeit der Uhrenindustrie und begann in Schramberg 1847 eine 
Holz- und Blechschildmalerei, welchen Betrieb er 1849, angeregt 
durch die französische Konkurrenz, in ein kleines Emaillierwerk um- 
wandelte. Die Fabrikation wurde bald auch in Deisslingen, O.A. 
Rottweil, aufgenommen, wo auch jetzt noch ein kleiner Betrieb 
besteht, in den 90er Jahren auch in Rottweil als Nebenbetrieb 
einer Zugfedemfabrik. Endlich befindet sich auch in Schwennin- 
gen ein EmaiUeur. Die Schramberger Fabrik hat sich vor zehn 
Jahren durch Errichtung eigener Oefen für die Emailschmelzerei 
von dem französischen Rohmaterial unabhängig gemacht. Als 
Hilfsindustrie für die Uhrenfabriken scheinen die Emaillierwerke 
zwar ihre Blütezeit hinter sich zu haben, da erstere neuerdings 
die Emailzifferblätter vielfach durch die billigeren Zelluloidblätter 
ersetzen. Aber es gibt ja noch viele andere Artikel, die die 
Emaillierwerke entweder jetzt schon herstellen oder leicht in den 
Kreis ihrer Fabrikation aufnehmen können. 

Die Herstellung von Zelluloidzifferblättern hat 
sich bis jetzt noch nicht zu einem gesonderten Hilfsgewerbe ent- 
wickelt ; sie erfolgt in Verbindung mit der Fabrikation anderer 
Artikel in ganz verschiedenartigen Betrieben. Die Herstellung von 
geätzten Metallzifferblättem wird, soweit nicht die Fabriken ihre 
eigenen Galvaniseure haben, hauptsächlich von galvanopla- 
stischen Anstalten besorgt, die für die Uhrenfabriken 
auch das Bronzieren einzelner Teile und der Kastenbeschläge 

i) Schott a. a, O. S. 13. 



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_ 83 - 

übernehmen. Schwenningen hatte eine Zeitlang zwei solcher An- 
stalten ; jedoch ging die eine, ein und die andere wurde kürzlich 
von einer grösseren, teilweise ebenfalls für die Uhrenindustrie ar- 
beitenden Fabrik angekauft. 

Als weiteres Hilfsgewerbe entstand in den 50er Jahren die 
Fabrikation der Tonfedern, eingeführt in Württemberg durch 
einen kleinen Unternehmer in Aldingen, O.A. Spaichingen, dessen 
Betrieb heute noch gedeiht. Ausser ihm entstanden 1888 noch 
zwei weitere Betriebe in Schwenningen, von denen jetzt aber nur 
noch einer Tonfedem herstellt und auch dieser nur noch als 
Nebenartikel. Endlich besteht noch eine kleine Werkstätte in 
Lauterbach bei Schramberg. In Baden wurde die Tonfedem- 
macherei, wie wir schon erwähnten, bereits um das Jahr 1840 
betrieben. 

Bedeutender ist die etwas später in Schramberg beginnende 
Fabrikation von Zugfedern, die in ihren Anfängen 
auch die Unterstützung der Zentralstelle fand. Während früher 
die Zugfedern aus Frankreich (Paris und Montb^tiaral) oder aus 
der Schweiz bezogen werden raussten, ist der Schwarzwald jetzt 
in diesem Artikel schon seit langem unabhängig. Es bestehen 
für seine Herstellung zur Zeit eine grosse Fabrik in Schramberg, 
die allerdings auch andere nicht der Uhrenindustrie dienende Ar- 
tikel fabriziert, eine kleinere Fabrik am gleichen Platz und ein 
dritter nicht unbedeutender Betrieb in Rottweil. Der Industrie- 
zweig wird benachteiligt durch den Mangel einer genügenden 
Zolldifferenz bei dem von ihm zur Fedemfabrikation aus dem Aus- 
lände bezogenen Material. Die Industrie ist für den Bezug ihres 
Rohstoffs wegen dessen besonderer Qualität auf das Ausland, 
England und Schweden, angewiesen, Ihre Hauptarbeit besteht 
darin, dass sie den weichen Stahl härtet und poliert. Die wei- 
tere Verarbeitung, das Zerschneiden des Stahls in F'ederlänge, die An- 
bringung von Löchern oder Oesen und das Aufrollen zur fertigen 
Feder, ist der geringere Teil der Arbeit. Es ging nun nach dem 
früheren Tarif der weiche Stahl zu demselben Satze ein wie der 
schon ge härtete und polierte Stahl ; letzterer kommt in grossen 
Bunden über die Grenze und wurde deshalb als Draht mit 3 Mk. 
p. Dz. verzollt. Die Folge davon ist, dass die eigentliche Uhr- 
federnfabrikation allmählich verschwindet. Man bezieht aus Schwe- 
den statt des weichen Rohstahls die halbfertigen Federstreifen 
und macht sie nur noch zu Federn fertig, eine Arbeit, die mehr 

6* 



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und mehr die Uhrenfabriken selber übernehmen. Der neue Zoll- 
tarif bringt eine kleine Besserung, indem er wenigstens die Arbeit 
des Polierens schützt. 

Für die Fabrikation von Spiralfedern, die für die Ameri- 
kaner Wecker in grossen Mengen gebraucht werden, entstand in 
Schramberg im Jahre 1890 eine Fabrik, die sich rasch zu einem 
bedeutenden Betrieb entwickelt hat. Vor einigen Jahren ist eine 
zweite kleinere Fabrik hinzugekommen. 

Verbunden mit der Zug- und Spiralfedernfabrikation wird die 
Fabrikation von Glockenschalen für die Wecker- 
uhren betrieben. Die Glockenschalen werden aus Stahlblech her- 
ausgepresst. 

Mit der Herstellung von verschiedenen anderen Teilen der 
Uhr : Ketten, Rädern, Pendeln, Zeigern u. s. w. be- 
schäftigte sich eine schon 1869 in Schramberg gegründete kleine 
Fabrik, sowie der schon erwähnte Betrieb in Deisslingen, der ur- 
sprünglich nur die Fabrikation von Emailzifferblättern zum Gegen- 
stand hatte. Ersterer Betrieb ist mit der Zeit zur vollständigen 
Uhrenfabrik geworden, letzterer hat sich wieder auf die F'abrika- 
tion von Emailzifferblättem und -Schildern beschränkt. Dafür ist 
in den 90er Jahren in Schwenningen eine als » Bestand teilfabrik« 
für die Uhrenindustrie fungierende Metalldrückerei ent- 
standen, die Pendel, Reife, Zifferblätter, Metallgehäuse und ähn- 
Hche Artikel liefert und sich rasch zu einer Fabrik von beachtens- 
wertem Umfang ausgewachsen hat. Seit einigen Jahren hat 
Schwenningen noch zwei Betriebe, die sich als Metalldrückerei en 
bezeichnen lassen. Ausserdem besteht noch eine kleine Metall- 
drückerei in Röthenbach, O.A. Oberndorf. Früher wurden die 
Metallgehäuse, wie sie hauptsächlich zu den Weckern gebraucht 
werden, zum grossen Teil von ausserhalb des Schwarzwalds be- 
zogen. Jetzt werden sie entweder von den Uhrenfabriken selber 
hergestellt oder von den Metalldrückereien auf dem Schwarzwald 
geliefert^). 

i) 1d seinem Werk (Deutschland als Industriestaati 1901, S. 47g spricht Hubir 
von einer Verdrängui^ der Metalid rücke reien durch die Blechemballagefabriken in 
der Lieferung von WeckergehBusen. Dhss die Metalldrückereien ausserhalb des 
Schwariwalds ihre Lieferungen an diesen verloren haben, erklärt sich aber, wie aus 
unseren Ausführungen im Text hervorgeht, auf andere Weise. Auf die Gehäuse 
soll sich wohl auch Hubers vorhergehende Bemerkung von einer Ersetzung des 
Messing- und Zinkblechs durch Weissblech beziehen, obgleich er vorher das Messiiig 



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- 85 - 

Weiter erhält die Uhrenindustrie manche Bestandteile z. B. 
Pendelfedem, Triebe, Anlier, Haken, wie wir schon erwähnten, von 
einigen kleinen Bestandteilmachern in Schwenningen, die 
wir als den letzten Rest der früheren kleinen Uhrmachermeister 
ansehen können. Ihre Zahl beträgt ungefähr noch 25. Für die 
Herstellung von Haken besteht eine Werkstätte mit einigen Ar- 
beitern auch in Schramberg. 

Eine grössere Rolle hat lange Zeit die Uhrenkaste n- 
schreinerei gespielt. Sie geht im württembergischen Schwarz- 
wald auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück; 1857 sassen in 
Schwenningen 3 Kastenmacher mit 3 Gehilfen. 

Da auch die Massiv- und Amerikaneruhren-Industrie Bedarf 
an Holzgehänsen hatte, gewann später die Uhrenkasten-Schrei- 
nerei grössere Ausdehnung, merkwürdigerweise aber zuerst nicht im 
Schwarzwald, sondern an anderen württembergischen Plätzen, näm- 
lich in Schwäbisch-Gmünd und Ludwigsburg, von woher in den 70er 
Jahren auch die badische Industrie die meisten Kasten bezog. 
Dieselben Plätze versorgten den Schwarzwald auch mit geschnitzten 
Schildern ^). In den 80er Jahren kam die Kastenschreinerei aber 
auch in Schwenningen in Aufschwung, sie richtete sich besser 
ein und wuchs auch der Zahl der Betriebe nach, so dass sie den 
Bedarf der Schwenninger Uhrenfabriken decken konnte. Die 
Meister bemühten sich, die Gehäuse dem jeweils herrschenden 
Geschmack anzupassen. Ihre Fabrikate wurden immer mannig- 
faltiger ; kann doch das gleiche Werk in den verschiedensten Ge- 
häusen erscheinen. Der guten Beschäftigung entsprachen aber 
bald nicht mehr die Preise. Nicht nur die vielen kleinen Betriebe 
des württembergischen und des badischen Schwarzwalds unter- 
boten sich gegenseitig, es bestand und besteht noch weitere Kon- 
kurrenz in Thüringen, Sachsen und Schlesien, die dem Gross- 
handel zu den aus dem Schwarzwald bezogenen Werken die Ge- 
häuse ebenfalls äusserst billig zu liefern vermag^). Wie in der 

□nd Zinkblech an Stelle des Hohes als Rohmaterial der Uhi treten lässt, wobei 
ihm offenbar die Ersetzung der Holzräder durch Messingiäder bei der alten Schwarz- 
wSlder Uhr and das Aufkommen der Messingplatinen neben den Holzgestellen vor- 
schwebt. Dass dss Weissblech das Zinkblech vetd^ngt hat, ist aber auch für die 
Gehäuse nicht richtig; nur für die Hintetwand der Gehäuse, bei der das Weissblech 
technische Vorteile bietet, trifft es zu. 

1) Sihoit fl. a. O. S. 10 u. t3. 

2) In den 70er Jahren kamen nach Scheit {a. a. O. S. 13) viele Regulateur- 
kasten auch aus Oesteneich, wo sie vielfach in Zuchthäusern hergestellt wurden. 



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Uhrenindustrie kam es auch in der Kastenschreinerei zu Kon- 
ventions-Anläufen. Als Preisvereinbarungen nichts nützten, ver- 
suchte man es um die Wende des Jahrhunderts auf dem Wege, 
dass man einer Uhrenfabrik den Alleinverkauf der Gehäuse über- 
trug; aber auch dieser sogenannte -Trust« war nur von kurzem 
Bestand. Die Konventions-Bestrebungen hatten nur die Folge, 
dass die grossen Uhrenfabriken sich in der Deckung ihres Be- 
darfs an Gehäusen unabhängig zu machen versuchten ; einige Fa- 
briken (so die beiden Schramberger Grossbetriebe) hatten schon 
von jeher Schreinereien gehabt'); diese wurden nun erweitert. 
Andere fügten leistungsfähige Schreinereien ihren Betrieben neu 
an. Daneben schritt man noch zum Ankauf bestehender Schreine- 
reien. Eine Schwenninger Kastenfabrik ging infolge des schlech- 
ten Geschäftsganges ein. Auf diese Weise ist der Industriezweig 
im württembergischen Schwarzwald auf wenige Betriebe zusammen- 
geschrumpft. 

Zur Hilfsindustrie in weiterem Sinne sind auch noch mehrere 
kleine Maschinenfabriken oder mechanische Werk- 
stätten in Schwenningen zu rechnen, die den Uhrenfabriken 
Spezialma schinen liefern. Es wird von diesen darüber geklagt, 
dass die Uhrenindustrie viele Maschinen aus Amerika bezieht, 
und deshalb gegen die amerikanische Konkurrenz ein kräftigerer 
Zollschutz verlangt. Einer grösseren Entwickelung steht entgegen, 
dass der Bedarf der Uhrenfabriken an neuen Maschinen zu sehr 
schwankt, je nachdem sie sich zu Vergrösserungen ihrer Betriebe 
veranlasst sehen oder nicht. Auch legt mancher Uhrenfabrikant 
Wert darauf, dass die Maschinenfabrik, von der er seine Ma- 
schinen bezieht, nicht auch zugleich an seine Konkurrenten liefert. 
— Die badische Industrie besitzt seit den 50er Jahren des vorigen 
Jahrhunderts in St. Georgen eine grössere Maschinenfabrik. 

Endlich sind hier noch die im letzten Jahrzehnt in Schwen- 
ningen und Schramberg entstandenen Kartonagefabr-iken 
zu erwähnen, die man, da sie ihre Fabrikate (Schachteln) haupt- 
sächlich an die Uhrenindustrie liefern, auch als Hilfsindustrie 
dieser, allerdings nur in sehr weitem Sinne, betrachten kann. 

Die alten Teilgewerbe gingen aus der Uhrmacherei hervor, 
indem die Uhrmacher, die ursprünglich die ganze Uhr herstellten, 
ihre Arbeit auf den wichtigsten Teil der Herstellung beschränkten. 

l) Ebenso wie in Baden z. B. die Fabrik in Lenzkircb. 



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- 87 - 

Bei den neuen Teilgewerben dagegenj handelt es sich meistens 
um Arbeiten, die der Uhrenindustrie durch Veränderungen in der 
Fabrikation neu erwuchsen. Als Gründe, die zur Ueberlassung 
neu erwachsender Arbeiten an selbständige Betriebe führten, las- 
sen sich leicht die folgenden Momente erkennen : ■ 

i) Die neue Arbeit unterscheidet sich technisch erheblich von 
der eigentlichen Uhrmacherei. 

2) Das Arbeitsprodukt wird von den Uhrenfabriken nicht in 
der Menge gebraucht, dass sich für die einzelne Fabrik die für 
seine Erzeugung notwendigen Einrichtungen lohnen. 

3) Das Rohmaterial liegt auf ganz anderem Gebiet oder es 
ist Rohmaterial von bestimmter Qualität erforderlich, dessen Aus- 
wahl besondere Sachkunde erfordert. 

4) Die Arbeit ist besonders schwierig ; sie bedarf eines sach- 
kundigen , zuverlässigen , am Erfolg unmittelbar interessierten 
Leiters. 

5) Die Arbeit für die Uhrenindustrie kann zweckmässig ver- 
bunden werden mit der Herstellung anderer Artikel. 

Bei der Fabrikation von Emailzifferblättem, Zug- und Spiral- 
federn treffen sämtliche Gründe zu , bei der Tonfedermacherei 
besonders der unter 3 an zweiter Stelle angeführte Grund. Der 
unter 5 bezeichnete Grund erklärt die Entstehung besonderer 
Metalldrückereien. 

Bei dem Zug der Uhrenindustrie zum Grossbetrieb müssen 
die angeführten Momente natürlich schon eine besondere Stärke 
besitzen, wenn sie das Aufkommen selbständiger Betriebe er- 
möglichen und ihren Bestand auch für die Zukunft sichern sollen. 
Zur Zeit lässt sich eine allgemeine Tendenz zu einer Aufsaugung 
der Teilgewerbe durch die Uhrenfabriken nicht erkennen. Nur 
die Uhrenkastenschreinerei ist, wie wir schon bemerkten, im letzten 
Jahrzehnt zu einem Teil diesem Schicksal verfallen, aber auch 
im württembergischen Schwarzwald doch nur zu einem Teile. 
Die Gründe für diesen Vorgang liegen nicht auf technischem, son- 
dern auf kaufmännischem Gebiet. 



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Neunter Abschnitt. 

Das Bild der Entwickelung in der Statistik. 

Wenn wir die Entwickelung der Uhrenindustrie des württem- 
bergischen Schwarzwaldes statistisch verfolgen wollen, so müssen 
wir uns für die ältere Zeit mit dürftigen und unsystematischen 
Angaben begnügen. Wir wollen zunächst prüfen, wie die Indu- 
strie nach der Zahl der von ihr beschäftigten Personen allmäh- 
lich gewachsen ist. Das zeigt folgende Aufstellung. 

Beschäftigte Personen : Beschäftigte Persooen : 

1835: 20O 1882; IJ94 

1861; 47a') 1895: 3331 

1875 : 843 

Die Zahlen beziehen sich auf die Oberämter Obemdorf, Rott- 
weil, Spaichingen und Tuttlingen. Sie schliessen auch die Uhr- 
macher im landläufigen Sinne ein, die sich mit dem Kleinver- 
kauf und der Reparatur von Uhren befassen, also mit der eigent- 
lichen Fabrikation nichts zu tun haben ; doch ist deren Zahl — 
wir wollen sie in folgendem kurz Reparateure nennen — in den 
vier Oberämtern nicht von dem Belang, dass sie das statistische 
Bild wesentlich beeinflussen könnte. 

Wir sehen, dass die Industrie ziemlich regelmässig gewachsen 
ist, am schnellsten in der letzten Periode 1882/95. Vergleichen 
wir die Entwickelung mit der im badischen Schwarzwald, so finden 
wir, dass die württembergische Uhrenindustrie ungleich grössere 
Fortschritte gemacht hat. Das konstatierte Hubbuch schon Ende 
der 80er Jahre '). Zahlenmässig belegen lässt sich das durch die 

1) In der Landesbeschreibung von 1863 , S. 598 gibt Mährlin die Zahl der 
Meister auf 350, die dei Gehilfen auf ca. goo an. Die Schätzung ist offenbar zu 
hoch, da ja die Zahl der tjhrmacber und deren Gehilfen 1S61 im ganzen Lande nur 
1239 betrug. 

2) A. a. O, S. 90. 



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Berufsstatistik von 1882 und 1895. Es waren Personen beschäf- 
tigt im 

badischen SchwanwaM wUrtt. Schwsrzwald 

1882 3735 1394 

189s 4^83 333' 

mehr 1895 S48 1937 

ZuDBhme in % 14,6 % 139,0 % 

Anteil an der Gesamtzahl der Beschäftigten 

1892 72,8 0/^ 37.2 % 

1895 $6.2 . 43,8 . 

In den einzelnen Oberämtem war die Entwickelung folgende: 

Zahl der beschäftigten Personen: 

Obemdorf Roltneil Spiichiagen Tuttlingen 

1861 198 118 70 86 

187s 417 287 53 96 

i88a 75! 419 3a 192 

189s 1335 1611 96 a89 

Wir sehen, dass Schwenningen (Oberamt Rottweil) Schram- 
bei^ (Oberamt Obemdorf) 1895 hinsichtlich der Arbeiterzahl über- 
holt hatte, dass sich die Mühlheimer Industrie (Oberamt Tutt- 
lingen) ebenfalls nicht unbedeutend gehoben hat, während sie im 
Oberamt Spaichingen zurückblieb. 

Im einzelnen sind aber diese Zahlen mit grosser Vorsicht auf- 
zunehmen. So ist es offenbar nicht richtig, dass die Industrie im 
Oberamt Oberndorf (Schramberg) 1861 mehr Personen beschäf- 
tigte als im Oberamt Rottweil (Schwenningen, Locherhof). Auch 
für das Jahr 1875 ist die Angabe für das Oberamt Rottweil etwas 
zu niedrig. Denn die in dem gleichen Jahre erschienene Ober- 
amtsbeschreibung gibt, wie wir schon erwähnten, allein die Zahl 
der kleinen Meister und ihrer Gehilfen auf 260 an; dazu kamen 
nun noch die in drei Fabriken, darunter in der nicht unbedeuten- 
den Bürkschen Kontroll Uhrenfabrik beschäftigten Personen, so 
dass sicher die Gesamtzahl höher als 300 war. 

Der Umfang der Industrie kommt auch in den späteren Zahlen 
nicht voll zum Ausdruck. Diese umfassen nämtich nur diejenigen 
Personen, die die Uhrenfabriken in den der eigentlichen Uhr- 
macherei dienenden Teilen ihrer Betriebe beschäftigen; die in 
den übrigen Betriebsteilen beschäftigten Personen finden sich in 
anderen Rubriken der Statistik eingereiht , so die Kastenschreiner 
in der Rubrik für Holzbearbeitung. Die grösste Uhrenfabrik z. B. 
wurde für die statistische Aufnahme von 1895 in vier Betriebe 



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— 90 — 

gegliedert, nämlich in die Uhrgehäuseschreinerei mit 247, die 
Uhnnacherei mit 678, die mechanische Werkstätte mit 53 und 
den Baubetrieb mit 36 Arbeitern. Nur die 678 Arbeiter des Uhr- 
macherei-Betriebs erscheinen in der Gruppe VIe >Zeitmessinstru- 
mente«. Bei dieser letzten Zählung hat man allerdings auch eine 
Statistik der Gesamtbetriebe begonnen, aus der wir jedoch 
nur die Summenzahlen für das ganze Land erfahren können. 
Damach waren in der Uhrenindustrie damals 4980 Personen be- 
schäftigt, d. h. ca. 600 Personen mehr als nach der Teil-Betriebs- 
Statistik. Diese 600 Personen dürften sämtlich den angeführten 
vier Oberämtem angehören ; denn nur in den Fabriken werden 
verschiedene Gewerbe vereinigt betrieben und eine eigentliche 
Uhrenfabrik gab es 1895 ausserhalb dieser Oberämter in Würt- 
temberg nicht. Endlich sind der Uhrenindustrie noch weitere 
selbständige Betriebe zuzurechnen, die die Statistik in anderen 
Gruppen aufführt, nämlich eine Emaillefabrik mit 117 beschäf- 
tigten Personen und drei Uhrenkastenfabriken mit annähernd 200 
Personen. Auf diese Weise kommen wir für 1895 auf eine Ge- 
samtzahl von ca. 4200 beschäftigten Personen (3300 + 600 -\- 300). 
Für das Jahr 1903 gibt eine auf den Zahlen der Gewerbein- 
spektion beruhende Statistik ^) die Zahl der Fabrikarbeiter auf 
5776 an. Für Ende 1904 ist der Verfasser durch eine private 
Erhebung auf die ungefähre Zahl von $goo Fabrikarbeiter ge- 
kommen*), welche Zahl mit der Statistik der Gewerbeinspektion 
nicht in Widerspruch stehen würde, da eben die Fabriken fort- 
gesetzt ihre Arbeiterschaft vermehren. Dazu sind nun noch un- 
gefähr ICXXi Heimarbeiter *) und 7 — 800 in der Hilfsindustrie be- 
schäftigte Personen zu rechnen. Als Gesamtzahl ergäbe sich dem- 
nach 7600 — 7700, d. h. eine Steigerung von 83 % gegenüber dem 
Jahre 1895. 

Auf Schramberg entfallen ca. 3300, auf Schwenningen ca 3500, 
auf die übrigen Orte ca. 800 Personen. 

Von den Arbeitern der Filialen sind natürlich nur die der 
inländischen Betriebsstätten eingerechnet. 

Der Umfang der badischen Industrie ist wohl auf annähernd 

1) Württ. Jahrbücher 1904. 

2) Während die badische Industrie nach FturtIHn S. S Anfang 1904 nur 
328a Fabrikarbeiter zählte. 

3) Gegen 1500 des badischen Schwarzwalds. FeursUin S. 4 ('/i der Zahl der 
Fabriliarbeiter). Zum grossen Teil handelt es sich allerdings bei der Heimarbeit nur 
um Nebenerwerb. 



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_ 91 — 

6ooo*), der der schlesischen auf 1800 beschäftigte Personen zu 
schätzen, so dass man für die gesamte deutsche Wand- und 
Standuhren-Industrie auf 15 — 16000 beschäftigte Personen käme *). 
Der Aufschwung der Industrie hatte natürlich auch ein starkes 
Anwachsen der Einwohnerzahl der beiden Hauptorte zur Folge. 
EiDwobnerzahl vod 
Schvenningcn Schramberg 

1871 4916 3453 

1880 4 755 4 571 

1890 6483 6 1S3 

189s 7740 7iaa 

1900 10 106 8551 

1905 lagS; 9836 

Schramberg hegt eingeengt zwischen steilen Bergabhängen; 
die grösseren Schwierigkeiten, auf die es bei seiner Ausdehnung 
stösst, erklären es, dass viele Arbeiter, die in den Fabriken des 
Orts dauernde Arbeit gefunden haben, es doch vorziehen, die 
Wohnstätte in ihrem nahen Heimatsort zu behalten, während 
Schwenningen mit seinem günstigeren Bauterrain die auswärtigen 
Arbeiter mehr zur Ansiedelung verlockt. 

Ueber das Verhähnis der Zahl der Betriebe zur Zahl der 
beschäftigten Personen gibt folgende Aufstellung, bei der wir je- 
doch wieder nur die Teilbetriebstatistik berücksichtigen können, 
Aufschluss : 

0,1, bejchäfligle auf ■ Betrieb kommen 

öeineoe Personen beschäfdgle Persooen 

1835 75 200 2.7 

i86i 203 472 2.3 

187s ai6 843 3.9 

1882 253 1394 SS 

'89s 353 3331 to-' 

Die Konzentrierung der Industrie in immer grösser werdende 
Betriebe seit den 60er Jahren kommt hier zum deutlichen Aus- 
druck. Sie würde noch viel schärfer hervortreten, wenn die Haus- 
industriellen und Heimarbeiter, die in der Statistik als selbstän- 
dige Betriebsinhaber erscheinen, ausgesondert werden könnten. 
Wenn wir die Entwickelung in der Zusammensetzung der 

1) Miidingir a. a. O. S. l6 gibt 5 — 6000 beschiftigte Personen an; das war 
1896, seit welchem Jabr die badiscbe Industrie im ganzen kaum zugenommen ha- 
ben dürfte. 

2) Knorz unterschätzt in seinem für den Hand eis Vertrags verein 1901 geschrie- 
benen Schriftchen über die deutsche Uhrenindustrie entschieden den Umfang der 
Industrie, wenn er die Zahl der beschäftigten Personen nur auf 10 000 angibt. Eine 
starke Ueberschätzung liegt dagegen bei fiuitr {Deutschland als Industriestaat 1901) 
vor, wenn er meint, dass allein der Schwarzwald 30 000 Personen beschäftige. 



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— 92 — 

Industrie nach der Grösse der Betriebe noch näher verfolgen 
wollen, so sind wir leider auf die Zahlen für das ganze Land 
Württemberg angewiesen, an denen die Reparatur-Betriebe doch 
schon einen ins Gewicht fallenden Anteil haben. Dazu haben 
wir es auch bei ihnen, wenn wir zwischen den letzten Zählungen 
Vergleiche anstellen wollen, nur mit einer Teilbetriebsstatistik 
zu tun. Es wurden gezählt: 



Betriebe mit 1—5 


Feisonen : 


Betriebe n 


nit 6 und mehr Personen 


a. Betriebe 


b. Personen 




0. Beiriebe b. Peraon 


87s 859 
SSz 870 
89s 935 


«39 

1287 


1875 
1882 
1895 


«9 578 
13 I09S 
34 306s 



In Gruppe II (grössere Betriebe) kamen auf einen Betrieb 
durchschnittlich beschäftigte Personen 

1875 30 

1882 48 

189s 90 

Im einzelnen war für diese Gruppe seit 1882 die Entwicke- 
lung — mit der Aufnahme von 1875 ist ein Vergleich nicht mög- 
lich — folgende: 



ou. darilberPers. 



Pers. 

58 



280 4 359 6 2353 

Man sieht, dass eine ins Gewicht fallende Vermehrung nur 
in der Klasse der Grossbetriebe eintrat und zwar dadurch, dass 
sich 5 Mittelbetriebe zu Grossbetrieben auswuchsen. 

Für 1895 besitzen wir, wie schon gesagt, auch eine Statistik 
der Gesamtbetriebe, die wir in folgendem wiedergeben: 
Betriebe Personen 

AUeinbelriebe ohne Motoren 679 679 

Milinhaber, Gehilfen und Motoren- 
Betriebe mit I— 5 Personen 255 615 



Inzwischen hat die Vergrösserung der schon 1895 grossen 
Betriebe weitere Fortschritte gemacht. Eine 1898 gegründete 
Fabrik wurde schon nach ungefähr einjährigem Bestehen von einem 
der Konkurrenten angekauft. Im Jahre 1900 vereinigte sich, wie 



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— 95 — 

wir schon erwähnten, die grösste Schramberger Fabrik mit einer 
der grossen Fabriken in Schwenningen. Dafür wurde allerdings 
1903 im letzteren Ort eine neue grössere Fabrik gegründet; 1905 
entstand eine weitere kleinere Fabrik, so dass die Zahl der Fa- 
briken seit 1895 ungefähr gleich geblieben ist. Vermindert hat 
sich die Zahl der Uhrenkastenfabriken, wie wir schon in anderem 
Zusammenhang hervorhoben. 

Die Landesbeschreibung ^) zählt auf: 

I Betrieb mit elwas über 3400 Arbeitern 
3 Beiriebe . 820, 700 und 679 . 

Dazu ist jetzt noch eine weitere Fabrik der letzten Grössen- 
klasse gekommen. 

Die Hilfsindustrie besteht aus ^) 4 Metalldrückereien, 2 Uhr- 
kastenschreinereien, 3 Email-Fabriken, 4 Zug- und Spiralfeder- 
Fabriken, 2 Tonfedem-Fabriken, 1 Schildmalerei und einer grös- 
seren Zahl ganz kleiner Betriebe. Insgesamt dürfte sie 7 — 800 
Arbeiter beschäftigen. 

Was die rechtliche Form der Unternehmungen an- 
geht, so sind zwei Uhrenfabriken Aktiengesellschaften (eine mit 6, 
die andere mit 1,2 Mill. M. Aktienkapital '), eine Gesellschaft mit 
beschränkter Haftung {Stammkapital 2,1 Mill. M.), eine Uhrfedem- 
fabrik ebenfalls eine solche Gesellschaft. Die übrigen Unterneh- 
mungen sind offene Handelsgesellschaften oder Allein-Inhaber- 
Betriebe. 

Wie viel Uhren werden nun alljährlich im württembergi- 
schen Schwarzwald fabriziert und welchen Wert repräsen- 
tieren sie? 

In den 50er Jahren betrug die Produktion jährlich höchstens 
lOOOOO Stück. Durch den Uebergang zur Fabrikation im grossen 
hat sich die Produktion ausserordentlich gesteigert; wir können 
sie jetzt auf jährlich 5,8 Mill. Stück schätzen, nämlich Wecker 
4 lOOOOO, Regulateure 800000, sonstige Uhren 900000 Stück. 
Die Produktion der Amerikaner Uhren verhält sich zu derjenigen 
der massiven wie 28 : i ; letztere verschwindet also. 

1) .Das Königreich WUrtlemberg«, II. Bd. Schwariwaldkreis. 1905. 

2) Diejenigen Betriebe, die mehrere Zweige der Hilfsinduätrie umfassen, sind 
inuner nni bei einem Zweig eingerechnet. 

3) Woraus heiFittrsliitt wohl durch einen Druckfehler 12 Mill. M. geworden sind. 



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Was den Wert der Uhren betrifft, so ist die Entwickelung 
der Massenfabrikation Hand in Hand gegangen mit einer Ver- 
bill^ng des Fabrikats. Vor 40 Jahren schätzte man den Wert 
der im ganzen Schwarzwald jährhch hergestellten 1,8 Mill. Uhren 
auf 10 Mill. Gld. = 17.1 Mill. Mk. , also pro Stück auf an- 
nähernd 10 Mk. Heute wird man mit einem Durchschnittswert 
von 3 Mk, ungefähr das Richtige treffen, den Gesamtwert der 
Produktion des württembergischen Schwarzwalds also auf i7'/a 
Mill. Mk. schätzen müssen. Rechnet man den Wert der Spezia- 
litäten-Fabrikation hinzu, so kommt man auf 18 '/j Mill. Mark, 
Ungefähr die gleiche Summe ergibt sich, wenn man von Arbeiter- 
zahl und Lohnsumme ausgeht. 

Auch die Wertsumme übersteigt die des badischen Schwarz- 
walds, obgleich sich bei diesem der Durchschnittswert etwas höher 
stellen dürfte, da bei ihm das Massenfabrikat nicht in gleichem 
Masse überwiegt. Für die gesamte deutsche Wand- und Stand- 
uhren-Industrie {Schwarzwald und Schlesien) kann eine jährliche 
Produktion von 32 Mül. Mk. angenommen werden. 

Die gesamten motorischen Kräfte, mit denen die In- 
dustrie arbeitet, betragen jetzt 2000 Pferdekräfte, während sie vor 
10 Jahren kaum 500, also den vierten Teil überstiegen haben 
dürften. Der jährliche Kohlenverbrauch in den beiden Haupt- 
orten stieg wie folgt: 



Durchschnitt 


Seh wenn ingen 

in Tonn 


Sc^i^berg 


1881/85 
1885/90 
1890/95 
1895/99 
1900/04 


636 
1429 

1 610 1894/95 
7548 
10926 


7 378 (Bibnftbschluss 1894) 
9259 
II 449 


Der allgemeine Güterverkehr: 




1880/85 
1885/90 
1890/95 
1895/99 
1900/04 


5 78= 

9284 

19 436 1894/95 
40381 
60923 


Schramberg 

31058 
43448 

54804 


Das Gewerbesteuerkapital der im 
nen Betriebe betrug: 


Handelsregister eingetragt 




1890 rund 256 
.895 ' 417 
1900 > 1 200 
1905 » r 500 


300 M. 
300 » 



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Lebenslauf des Verfassers. 



Geboren am 6, Januar 1871 zu Königsberg in 0,Pr. als Sohn 
des 1878 verstorbenen Regierungs- und Baurat Hermann Kuckuck 
und seiner Ehefrau Margarete geb. Lemp, besuchte ich zuerst 
die Vorschule des Gymnasiums zu Gumbinnen, Nach dem Tode 
meines Vaters siedelte meine Mutter 1879 nach Züllichau, Provinz 
Brandenburg, über. Da das dortige Gymnasium erst mit einer 
höheren Klasse beginnt, besuchte ich zuerst die Elementar- und 
Büi^erschule. 1883 wurde ich Schüler des Gymnasiums; 1885 
wurde ich auch in das mit diesem verbundene Pädagogium und 
Waisenhaus aufgenommen. Ostern 1890 bestand ich das Maturi- 
täts-Examen. Ich trat darauf als Lehrling in das kaufmännische 
Bureau der Metallwarenfabrik Schmöle & Co. in Menden i. W. 
ein, wandte mich aber im Frühjahr 1891 meinen Neigungen ent- 
sprechend dem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Rechts- 
wissenschaft 2u, dem ich vier Semester in Tübingen (1891/93) und 
zwei in Marburg {1893/94) widmete. In Tübingen horte ich ins- 
besondere die Vorlesungen des Herrn Professor Dr. F. J. Neu- 
mann über allgemeine und spezielle Volkswirtschaftslehre. Im Juni 
1894 legte ich die erste preussische Rechtsprüfung ab. Darauf 
wurde ich Assistent bei Herrn Professor Dr. Huber, Sekretär der 
Handelskammer in Stuttgart, welche Stelle ich zwei Jahre {1894/96) 
bekleidete. 1896 wurde ich Sekretär der Handelskammer Rottweii ; 
dieses Amt habe ich noch jetzt inne. 

Ich bin preussischer Staatsangehöriger und evangelischer Kon- 
fession. 



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